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Joseph Hanimann: Antoine de Saint-Exupéry : Er wollte immer fliegen - und schreiben

  • -Aktualisiert am

Antoine de Saint-Exupéry mit dem Piloten Henri Guillaumet im Cockpit eines Flugzeugs, undatiert Bild: Edition Olms

Eine Biographie über Antoine de Saint-Exupéry zeichnet das Bild eines Schriftstellers, der eigentlich kein Mann des Wortes war. Ein neuer Bildband verfängt sich dagegen in Pathos und Idealisierung.

          4 Min.

          Eine gute Biographie kann Daten, Zitate und Ereignisse eines Lebens nicht einfach nur auflisten. Sie muss sie in einen Zusammenhang stellen und, natürlich behutsam, interpretieren. Je gründlicher die Quellen gelesen, gesichtet und geordnet wurden und je mehr der Biograph über die Zeit weiß, in der das beschriebene Leben spielte, desto überzeugender geraten die Ergebnisse - und Joseph Hanimann weiß sehr viel, nicht nur über Antoine de Saint-Exupéry, dessen Leben er nun ein Buch mit dem Untertitel „Der melancholische Weltenbummler“ gewidmet hat.

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Er ist auch bestens vertraut mit den intellektuell-künstlerischen Strömungen und den historischen Umwälzungen des beginnenden Jahrhunderts, in das der spätere Pilot und Schriftsteller am 29. Juni 1900 hineingeboren wurde. All dieses Wissen fließt in seine Deutung des Lebens von Antoine de Sainte-Exupéry ein: Der Einklang, der sich zwischen der Widersprüchlichkeit von dessen Charakter und jener der zeithistorischen Kontexte einstellt, mag daher zufällig scheinen. In Hanimanns Biographie verbinden sich die vielen Fäden jedoch zu einem Bild, dessen Kongruenz, in feiner Abstimmung präsentiert, absolut überzeugt.

          Das Schreiben bedeutete ihm nicht alles

          Als Sohn eines alten Adelsgeschlechts wuchs Saint-Exupéry in der dritten Republik auf, die von instabilen Regierungsverhältnissen, wirtschaftlicher Unsicherheit und Parteiengezänk geprägt war. In seiner Kindheit vermochten die alten Reichtümer und Strukturen seiner Herkunft ihn noch zu tragen, jedenfalls scheint es nicht übertrieben, davon auszugehen, dass seine Kindheit zwischen Lyon, dem Château de la Môle und dem Schloss Saint-Maurice-de-Rémens eine glückliche war. Von ihr blieben zeitlebens eine enge Verbindung zur Mutter und eine immer wieder aufkeimende Wehmut bei den Gedanken an das vergangene Kinderspiel-im-Garten-Glück. Was hingegen nicht blieb, war der Wohlstand. Saint-Exupéry, der immer ein mäßiger Schüler war und lange nicht wusste, wie er seine Leidenschaften, das Fliegen und das Schreiben, miteinander verbinden sollte, hatte zeitlebens Geldsorgen. Daran änderte auch die wohlwollende Aufnahme seines Buches „Südkurier“ (1929) nichts, die ihn jedoch darin bestärkte, sein Glück auch weiter in der Literatur zu suchen.

          Bild: Orell Füssli Verlag

          Der Journalist und Autor Joseph Hanimann, der viele Jahre Paris-Korrespondent dieser Zeitung war, zeichnet Saint-Exupéry dennoch als einen, der trotz seines Dranges zu schreiben eigentlich kein Mann des Wortes war. Jedenfalls nicht in dem Sinn wie etwa seine Landsleute André Gide und André Malraux, die während des Zweiten Weltkriegs zugunsten von Charles de Gaulles „France libre“ Position bezogen. Hanimann zufolge war das Schreiben für Saint-Exupéry nur eine Seite einer Medaille, auf deren anderer die Tat stand - und daher rührte, neben der Begeisterung für die Technik und dem Gefallen an der Loyalität unter Kameraden, seine nie versiegende Lust aufs Fliegen.

          Ein unerschütterliches Vertrauen in die Menschen

          Insofern lässt sich Saint-Exupérys während des New Yorker Exils zwischen 1940 und 1944 so dringender Wunsch, wieder für die französische Armee ins Cockpit zu steigen, vielleicht doch auch als politisch zu verstehendes Engagement begreifen. Hinter seiner langen Weigerung, sich in der Politik wörtlich zu bekennen - ein Umstand, der ihn vor allem in den französischen Exilkreisen in New York immer wieder ins Gerede brachte -, dürfte allerdings tatsächlich vor allem jenes Menschenbild gestanden haben, das er in einem Brief an seinen Freund Charles Sallès einmal mit den Worten umschrieb, er könne sich nicht vorstellen, „dass aus einem menschlichen Kontakt nicht auch Verständnis entspringt, dies allein hat mich zeitlebens animiert“.

          In dem einzigen politischen Text, den er von Amerika aus veröffentlichte, plädierte er daher für eine nationale Aussöhnung zwischen Befürwortern und Gegnern des Vichy-Regimes - noch bevor der Krieg überhaupt beendet war - und wurde, so schreibt Hanimann zu Recht, „aufs Neue Opfer seiner übergroßen, zu allgemeinen Menschenliebe. Wahres Mitgefühl für die Menschen und eine unausgereifte Begrifflichkeit flossen abermals ineinander.“ Besser aufgehoben war diese Menschenliebe tatsächlich in der Geschichte vom kleinen Prinzen, die Saint-Exupéry ebenfalls in den Vereinigten Staaten zu Papier brachte und die ihm so viel Ruhm einbringen sollte.

          Träumer zwischen Himmel und Erde

          Angesichts der Größe dieses Ruhms widmet Hanimann sich ihr indes auf verhältnismäßig kleinem Raum. Teils liegt das an den Unsicherheiten, mit denen man es bei der Entstehunggeschichte dieses Buchs noch immer zu tun hat, denn die Manuskripte sind verstreut und nicht systematisch zu erfassen. Teils liegt es aber auch daran, dass Saint-Exupéry gleichzeitig an seinem Werk „Die Stadt in der Wüste“ schrieb, das ihm selbst wichtiger war und an dem er, wie Hanimann sagt, „gemessen werden“ wollte. Die Auseinandersetzung über diese postum erschienene, poetisch anmutende Reflexion über eine gute Herrschaftsform und ihr Verhältnis zur Religion blieb jedoch aus.

          All dies, gepaart mit einer sehr genauen, stets ausgewogenen Nachzeichnung von Antoine de Saint-Exupérys von vielen Ortswechseln geprägten Lebensweg, verwebt Hanimann in seiner Biographie zum Bild eines Mannes, dessen Schwanken zwischen Melancholie, Träumerei und dem Festhalten an einem zuweilen utopisch anmutenden Menschheitsideal einerseits und dem Hang zu Vergnügen, Kartenspiel und Frauengeschichten andererseits ihn immer wieder daran hinderte, seine Vision vom Zusammenleben auf den Begriff zu bringen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass weiteren Aufschluss über die Hintergründe dieses ewigen Hinundhergeworfenseins vor allem die Briefwechsel geben könnten, die Saint-Exupéry mit seiner Frau Consuelo und mit seiner Freundin und Gönnerin Nelly de Vogüé führte. Letzterer aber liegt noch die nächsten vierzig Jahre in der Bibliothèque nationale de France unter Verschluss. Und ersterer scheint als eine Art Trumpfkarte nach wie vor in dem Streit benutzt zu werden, den die verschiedenen Erben des Ehepaares Saint-Exupéry bis heute führen.

          Gelungene Annäherung an ein Leben

          Im Kern dieses Streits geht es natürlich um die Rechteverwaltung und das Geld. Inhaltlich geht es aber auch um die Bedeutung, die man der Ehefrau Consuelo in Saint-Exupérys Leben zugestehen möchte. Frühere Biographien, darunter eine, die Nelly de Vogüé unter Pseudonym selbst verfasst hat, schwiegen sich über die Gattin einfach vielsagend aus. Deren Nachfahren wiederum haben mit Hilfe des Schriftstellers Alain Vircondelet bereits mehrere Bände mit bis dato unbekannten Bildern aus dem von ihnen gehüteten Nachlass veröffentlicht. In diesen Büchern, von denen das letzte nun ebenfalls auf Deutsch erschienen ist, versuchen sie, Consuelos Rolle in ein günstigeres Licht zu stellen.

          Bild: Edition Olms

          Der Band „Antoine de Saint Exupéry - In Bildern und Dokumenten“ bezeichnet sie daher als seine große Stütze und Muse, die „trotz der abweisenden Haltung und des Unwillens ihres Mannes eine strahlende und großzügige Heldin“ gewesen sei. Die Fotos und Faksimiles, die das Buch enthält, werden daher zwar jedem Saint-Exupéry-Liebhaber eine Freude sein. Doch geht der Band mit seinem Sujet an vielen Stellen so unreflektiert um, dass man ihn kaum empfehlen kann: Er scheut weder Pathos noch Idealisierung, lässt sich immer wieder zu gewagten psychologischen Interpretationen hinreißen, will die Triebfeder von Saint-Exupérys Handeln etwa immer wieder in einer Suche nach dem (früh verstorbenen) Vater finden und zieht dessen Bücher ständig als Belege für wie auch immer geartete Gemütszustände heran.

          Dabei, und das zeigt Joseph Hanimann, ist viel mehr gewonnen, wenn man Saint-Exupéry einfach ernst nimmt - in seiner Widersprüchlichkeit und auch in seinem Scheitern bei der Suche nach den richtigen Worten.

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