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Josef Bierbichler: Mittelreich : Der Seewirt, der alte Sepp und die Deppen

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Bild: Verlag

Sanfter ist er nicht geworden, aber doch reif für Suhrkamp: Josef Bierbichler wütet in seinem ersten Roman wie die Axt im Walde gegen Gschaftlhuberei und Nationalsozialismus.

          Sepp Bierbichler, der feinfühlige Holzhacker des deutschen Theaters, hat schon manchen groben Klotz gespalten. Regisseure sind Deppen, Schauspieler Idioten, Kritiker sowieso Watschenmänner, und das Publikum ist auch „relativ wurscht“. „Das Spiel mit der Sprache und den Figuren, die ich bin“, sagt Semi, sein Alter Ego, nachdem er in der Theater-AG des Internats seine Aggressionen dämpfen gelernt hat, „schützt mich davor, zu morden.“ Dafür zerstückelt er dann aber auf dem Papier Turnvater Ezechiel, der Semis Heimweh am Barren sexuell missbrauchte. Bierbichler ergeht es mit seiner literarischen und theatralischen Wut indes wie mit seinem Wirtshaus am Starnberger See: Je mehr er den Münchner Cabriofahrern und Kulturtouristen den Laberkäs seines Hasses um die Ohren haut, desto zahlreicher und ehrfürchtiger nähern sie sich dem grantelnden Wirt. „Für Talente vom Land gibt es im Kulturbetrieb immer eine erhöhte Aufmerksamkeit“, ermunterte schon Kammersängerin Krauss Semis künstlerisch begabten Vater, aber das war dem Seewirt relativ wurscht: „Kunst mich dann vielleicht am Arsch lecken?“ Kunst braucht die Natur, nicht umgekehrt.

          Das Theater, verkündete Bierbichler einst in seinem Prosadebüt, ist der Abtritt, wo „ich meine kleinbäuerlichen Komplexe als Realität verkaufe“ und dafür gefeiert werde. „Verfluchtes Fleisch“ war eine Odelgrube voller Jugenderinnerungen, Theaterklatsch und Frauengeschichten, halb Tagebuch autobiographischer Metamorphosen (einmal verwandelte sich Bierbichlers Kaspar in einen Obstbaum), halb Pamphlet. Jetzt hat das baumstarke Naturgenie seinen ersten Roman geschrieben. Der Kleinbauer ist nicht sanfter geworden, aber doch als mürrischer „Bauernbruegel“ reif für Suhrkamp.

          Wagner-Arien gegen den Sturm

          Der „Fischmeister“ der Bierbichlers mauserte sich in den letzten hundert Jahren vom kleinen Saisonlokal zum Platzhirsch der Ausflugswirtschaft; aus armen Bauern wurden neu- oder doch „mittelreiche“ Bürger. Der junge Seewirt erzählt diese Geschichte über drei Generationen hinweg, in Dorfschwänken und Tragödien, Kindheitserinnerungen und Wutanfällen. Am Anfang lässt sich Pankraz, der Schmoller und Möchtegernkünstler, gegen seinen Willen ins Wirtsjoch spannen, nachdem sein Bruder mit einer Kugel im Kopf aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt ist; am Ende besiegelt Semi den Untergang der Dynastie: „Fürs Vergangene reicht Erfinden. Echt ist nur jetzt.“ Bierbichlers Familiensaga zerbröselt zwar immer wieder in Anekdoten (etwa über den sodomitischen „Nachkriegsumgang der deutschen Bauern mit ihren Kühen“), folkloristische Lüftlmalerei und wüste Tiraden, aber die semibäuerliche Kunstsprache - eine eigenwillige Kreuzung aus Ganghofer und Gerhard Polt, Kraftwörtern, verschwurbeltem Starkdeutsch und klassischen Monologen - hält alles zusammen. Semi erzählt mal in der ersten, mal in der dritten Person, manchmal grimmig und zotig, dann wieder zärtlich und urkomisch, aber immer als verlorener Sohn und gefallener Engel.

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