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José Saramago: Kain : Der liebe Gott muss dringend in Therapie

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Bild: Verlag

Im Anfang waren Sex, Macht und Korruption: Der im vorigen Jahr verstorbene Nobelpreisträger José Saramago schickt in seinem letzten Roman den Brudermörder Kain zurück in die Zukunft.

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          Gott hat eine Schraube locker. Anders kann sich Kain keinen Reim auf all das machen, was er auf jahrzehntelangen Irrfahrten erfuhr. Leichen pflastern Gottes Weg. Sei es nach den skrupellosen Landnahme-Massakern wie in Jericho. Sei es bei undifferenzierten Strafoperationen wie in Sodom, wo mit der sündhaften Bevölkerung auch die unschuldigen Kinder vernichtet werden, oder durch die Sintflut sogar fast die gesamte Menschheit. Sei es durch sadistische Spielchen mit seinen Getreuesten, etwa Hiob, dem er mitleidlos Besitz, Gesundheit, Familie raubt, nur um zu prüfen, ob ihm seine Knechte treu zur Seite stehen. Dazu verlangt er ihnen, wie Abraham, gern sogar die Hinrichtung des eigenen Sohns ab.

          Solch ein „abgefeimter Hurensohn“ - so nennt Kain gleichermaßen den bereitwillig-kritiklosen Kindesmörder wie seinen Auftraggeber - gälte normalerweise als Personifikation des Bösen. Der Haken ist nur: Das Böse ist kein Alleinstellungsmerkmal. Dafür hat Gott ja schon Satan in die Welt geschickt. Und in seiner unbändigen Eitelkeit könnte er es wohl kaum ertragen, dass seine Funktion bereits von einem Subalternen ausgefüllt wird. Also bleibt nur die besagte Folgerung: „Dass unser Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde, komplett verrückt ist. Weil nur ein Verrückter, der sich seines Handelns nicht bewusst ist, zugeben würde, für den Tod von Hunderttausenden von Menschen verantwortlich zu sein, und sich anschließend so verhält, als wäre nichts geschehen.“

          Er scheut nicht vor der Vermessenheit

          Dass es vor dem Lissabonner Erdbeben von 1755 Denkern der Neuzeit kaum in den Sinn kam, die Allmacht und Güte Gottes fundiert anzuzweifeln, obwohl es schon davor an Indizien nicht mangelte, ist eine der Wunderlichkeiten unserer Geistesgeschichte. Nicht weniger überraschend ist es allerdings, wenn ein Vierteljahrtausend später mit José Saramago ein - zufällig in Lissabon aufgewachsener - Schriftsteller der Gegenwart am Ende seines Lebens, das ihn durch fast ein ganzes Jahrhundert der Kriege, Diktaturen und Genozide führte, die Theodizee-Frage aufs Neue aufwirft: in aller Naivität - so als sei das eine neue Idee, auf die vorher niemand kam. Anders als Voltaire und seine Zeitgenossen konfrontiert Saramago Gott jedoch nicht mit den von ihm nur geduldeten, aber vom Menschen oder den Naturgewalten verursachten Greueln der Gegenwart. Vielmehr konzentriert er sich auf die Untaten, die „der Herr, bekannt auch unter dem Namen Gott“, im Anschluss an den Schöpfungsakt persönlich verübte oder in Auftrag gab - und zudem, als behaupteter Autor der Heiligen Schrift, eigenständig dokumentierte.

          Im letzten Roman seiner Laufbahn fängt der im vergangenen Jahr verstorbene Nobelpreisträger insofern im wahrsten Sinne wieder bei Adam und Eva an. Und scheut nicht vor der Vermessenheit zurück, das Alte Testament neu zu erzählen: als ein Best of (besser wohl: Worst of) auf 170 Seiten. Bereits der Schöpfungsbericht und die Paradieserzählung werden gründlich gegen den Strich gebürstet. Spätestens bei der Begegnung mit dem Cherub am Eingang von Eden, den Eva zur Herausgabe von Früchten aus dem Garten bewegen will, wird klar, dass es in der Geschichte der Menschheit von Anfang an vor allem um Sex, Macht, Geschäft und Korruption geht. Als eigentlichen Protagonisten und Titelhelden wählt Saramago insofern den ersten von Gott zum Bösewicht stigmatisierten Menschen: Kain. Seitdem der Herr ihn für eine recht klägliche Übersprungshandlung aus dem Land seiner Familie verbannt hat - den Mord an seinem Bruder Abel, mit dem er seiner Frustration darüber Luft machte, nicht Gott höchstpersönlich umbringen zu können -, streift er ziellos durchs Land. Zugleich durch die Jahrhunderte, denn Saramago verlegt die Verbannung und Irrfahrt seines Helden auch auf die chronologische Achse. So macht er Kain zum Vater aller Zeitreisenden, wie sich auch überhaupt sein Bibel-Remake zusehends als ironisch-eklektisches Potpourri unterschiedlichster Literaturgenres entpuppt.

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