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José Saramago: Die Reise des Elefanten : Der Dichter als Dickhäuter und Migrant

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Bild: Hoffmann und Campe

Der letzte Roman des soeben verstorbenen Nobelpreisträgers José Saramago erzählt heiter-melancholisch von der „Reise eines Elefanten“ durch Europa, die sich 1551 tatsächlich zugetragen hat.

          Eines ist Salomon gewiss nicht: weise. Eher schon gefräßig. So groß ist sein Appetit, dass Ochsengespanne nötig sind, um seine Nahrung quer durch einen Kontinent zu karren, und sein monumentaler Durst leert mehrere Bottiche. Mittags muss er mindestens vier Stunden ausruhen, immer wieder gebadet werden, und wie es seinem majestätischen Naturell entspricht, hat sich alle Welt komplett nach seinen Bedürfnissen zu richten. Die Marschordnung einer ganzen Heereskompanie ist auf seine Verdauung fixiert. Denn Salomon verrichtet seine Notdurft grundsätzlich beim Laufen – und zwar in solch exorbitanter Menge, dass ein unachtsam hinter im Gehender unweigerlich in Exkrementen versinkt. Versucht wird hier keine ikonoklastische Biographie des biblischen Königs, kein Pamphlet aus obskurer Feder gegen den Tempelbauer von Jerusalem. Denn Salomon, der Held dieses Romans, ist ein Elefant und stammt nicht aus Israel, sondern aus Indien. Und José Saramago, Autor, Literaturnobelpreisträger und Portugals namhaftester Gegenwartsautor, der in der vorigen Woche mit 87 Jahren gestorben ist (F.A.Z., vom 19. Juni).

          Was die beiden zusammenführt, ist eine erzählerische Reise, die von Lissabon bis nach Wien durch ganz Europa führt. Einst von portugiesischen Kolonialherren aus Goa verschleppt, muss Salomon zu Fuß, gleich seinen illustren Ahnen unter Hannibal, die Alpen durchqueren. Um ihm Sicherheit zu garantieren, begleitet ihn ein großer militärischer Tross, denn ein wandernder indischer Dickhäuter ist auf den Landstraßen Renaissance-Europas kein oft gesehener Gast. José Saramago begleitet „Die Reise des Elefanten“ Schritt für Schritt, ohne sich durch das behäbige Marschtempo eines Dickhäuters einschüchtern zu lassen.

          Bizarre Idee eines Königs

          Seinen Ursprung hat das pittoreske Unternehmen in einer bizarren Idee des Königs Johann von Portugal: den seit zwei Jahren träge an seinem Hof lebenden Elefanten Erzherzog Maximilian von Österreich zur Hochzeit zu schenken. Aber auch in einem Abendessen Saramagos im Salzburger Restaurant „Der Elefant“, an dessen Wänden der portugiesische Altmeister nach einem Vortrag an der Universität durch Zufall auf Holzschnitzereien stieß, die Salomons Reise darstellten, wie der Autor im Nachwort berichtet. Besagte Elefanten-Wanderung hat sich tatsächlich ereignet, und zwar 1551. Luther ist kurz zuvor gestorben, in Trient tagt das Konzil, die Gegenreformation nimmt gerade Fahrt auf. Doch selbst wenn diese historische Kulisse bei Saramago stets präsent ist, erweist sich „Die Reise des Elefanten“ weder als Tatsachenbericht noch als Geschichtsoman. Darin liegt der Charme – Saramago durchbricht die Fakten durch Fabulierfreude: Zum Abschmettern der lutheranischen Ketzer kommt dem Klerus ein ablenkender Elefant recht gelegen. Etwa wenn er vor der Kathedralen von Padua, vom Heiligen Geist inspiriert, spontan auf die Knie fällt und dem Volke die Wundertätigkeit Gottes vor Augen führt. In Wirklichkeit steckt hinter der Bekehrung Salomons indischer Dresseur Subhro, der den Elefanten mit Müh und Not zu diesem Beweis seines Katholizismus bewegen kann und listenreich die Verzückung der Gläubigen zu einem schwunghaften Handel mit Elefantenhaaren nutzt, die Glatzen wieder zum Haarwuchs verhelfen soll.

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