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José Saramago: Claraboia oder Wo das Licht einfällt : Dachluke zur Diktatur

  • -Aktualisiert am

Bild: Hoffmann und Campe Verlag

Verschollenes Meisterwerk: Nach sechzig Jahren erscheint jetzt erstmals José Saramagos „Clarabóia oder Wo das Licht einfällt“. In dem frühen Roman präsentiert sich der Nobelpreisträger als ein so präziser wie gnadenloser Beobachter.

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          Parabeln, historische Maskenspiele, metaliterarische Spiegelkabinette: José Saramagos Weltruhm begründete sich vor allem durch Werke, die die Macht der Literatur feiern, sich respektlos über das Reale zu erheben. Indem sie ihm einen allegorischen Zerrspiegel vorhalten wie in „Die Stadt der Blinden“ oder „Das steinerne Floß“. Indem sie Geschichte und sakrale Texte der westlichen Tradition in subjektiver Weise neu schreiben wie in „Das Memorial“. Oder indem sie, wie in „Das Todesjahr des Ricardo Reis“, die epische Illusion und die Grenze zwischen Literatur und Wirklichkeit durchbrechen.

          Umso frappierender ist es, wenn wir nach einem halben Jahrhundert erstmals ein bislang verschollen geglaubtes, nie veröffentlichtes Frühwerk aus Saramagos Feder lesen können, das dank Karin von Schweder-Schreiner nun in einer deutschen Übersetzung vorliegt, die auf die altersbedingte Patina des portugiesischen Originals gekonnt und sensibel verzichtet. Wenn seine Lektüre wie eine Phantasmagorie, wie eine Geisterbahnfahrt in die jüngere portugiesische Geschichte erscheint, dann gerade dadurch, dass es auf jede märchenhafte Fiktionalisierung verzichtet. Der Roman ist geprägt von einer kruden Klarheit, die bereits anklingt in dem - auf Deutsch kurioserweise unübersetzten - Titel Clarabóia. Auf Portugiesisch heißt das „Dachluke“ und beschreibt programmatisch die fast voyeuristische Erzählerperspektive des Buches. Wie ein nächtlicher Dieb durch das Fenster dringt Saramago in eine Mietskaserne aus dem Lissabon der fünfziger Jahre ein; und wie in einer Puppenstube verschwinden dabei vor dem Auge des Eindringlings die Wände und Türen. So wird der Leser Zeuge der intimsten Details im Leben von sechs Wohnparteien des Hauses.

          Erotische Machtspiele vor trostloser Kulisse

          Im Erdgeschoss fristen seit dreißig gemeinsamen Jahren der Schuster Silvestre und seine Frau Mariana ein Leben im Einheitstrott, als plötzlich die Ankunft des geheimnisvollen Untermieters Abel neue Energien und neue Fragen in ihr ärmliches Idyll bringt. In der Wohnung nebenan heizen der Handelsvertreter Emílio und seine spanische Frau Carmen Tag für Tag ihre seit acht Jahren währende Ehehölle neu an und instrumentalisieren die Liebe ihres kränkelnden Söhnchens Henrique für ihre Grabenkämpfe. Dona Lídia im Stockwerk über ihnen entflieht solch kleinbürgerlichen Ärgernissen, indem sie sich von Paulino aushalten lässt, dem Kader eines großen Konzerns. Dass sie de facto eine Edelprostituierte ist, wird von den Nachbarn wie der eigenen Mutter widerwillig unter den Teppich gekehrt, da sie alle davon profitieren. Bis Lídias aufgedunsener Türnachbar Caetano, Setzer bei einer Tageszeitung, intrigiert, um sich für ihre Abweisung seiner Zudringlichkeiten zu rächen.

          Nur eine von Caetanos schlüpfrigen Affären. Ganz unverhohlen lebt er sie vor den Augen seiner für ihn reizlosen Frau Justina aus. Doch mittels eines ungeplanten Dominanz- und Verweigerungsspiels, das einem de Sade alle Ehre macht, stachelt Justina Caetano plötzlich zu ungeahnter sexueller Glut an. Ungewollt in seine Intrige gegen Lídia hineingezogen wird auch Maria Cláudia, die neunzehnjährige Tochter von Anselmo - im Büro ein an der Karriereleiter gescheiterter Angestellter, im Familienleben ein selbstgefälliger Patriarch. Eigentlich wollte sie auf Geheiß der Eltern Lídia nur um Vermittlung gegenüber ihrem Liebhaber zur Erlangung einer besseren Stelle bitten, weckt aber plötzlich ganz andere Begehrlichkeiten.

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