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José Sánchez de Murillo: Luise Rinser : Nie sollst du mich befragen

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Bild: Verlag

Denn wir sind treu: Luise Rinser hat ihr Leben und Wirken zwischen 1932 und 1945 systematisch umgeschrieben. Das verschweigt auch eine neue, von ihrem Freund und Kollegen José Sánchez de Murillo verfasste Biographie nicht.

          Ihre außerordentliche Popularität als Kämpferin für Frieden und Gerechtigkeit hat Luise Rinser mit der Erfindung einer Frauengestalt begründet, die das Ideal der sich befreienden Frau wirksamer geprägt hat als Simone de Beauvoirs Konstruktion des anderen Geschlechts. In Nina Buschmann aus dem Roman „Mitte des Lebens“ (1950), millionenfach aufgelegt und in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt, konnte sich auch Luise Rinser selbst wiedererkennen: „die Haltung natürlich, der Widerstand gegen das Dritte Reich. Es gibt Leute, die mich Nina nennen; diese Unbedingtheit zu denken, zu leben, das bin vermutlich ich selber.“ In einem Punkt aber nimmt die Autorin Abstand von ihrer Figur: „Leben ohne Lüge ist vielleicht ein bisschen zu großartig.“

          Tatsächlich hat Luise Rinser im „Gespräch von Mensch zu Mensch“ jedwede Moral gepredigt, das achte Gebot aber galt ihr nicht kategorisch. „Jeder Mensch hat ein Recht auf Selbsterhaltung, also auf Tarnung, Notwehr, Wahrung seines Geheimnisses.“ Deshalb dürfe man „andere nicht allzu direkt befragen“. Jenes Recht hat sie in Bezug auf ihr Verhältnis zum Hitler-Regime zuweilen grammatisch eigenartig verzinkt wahrgenommen: „Ich war ja schon 1932 gegen den Nationalsozialismus, und das sage ich heute nicht etwa, weil ich gerne möchte, dass es so gewesen sei.“

          Keine Jugendtorheit

          Im Gegensatz zu den Angaben in ihrer Autobiographie „Den Wolf umarmen“ (1981) ist es aber so gewesen, dass sie der N.S.-Frauenschaft und dem N.S.-Lehrerbund beitrat und Führerin im Bund Deutscher Mädel war. Auch hat sie, wie sie bei der Reichsschrifttumskammer auch angab, 1935 in der Zeitschrift „Herdfeuer“ das Gedicht „Junge Generation“ veröffentlicht, das die „Nationalzeitung“ 1968 als „Hymne an Adolf Hitler“ abdruckte. Ihr Umgang damit ist schwer begreiflich. Zunächst bestritt sie die Urheberschaft, dann erklärte sie es zu einem im BDM-Lager entstandenen Gemeinschaftswerk, schließlich sollte es Satire gewesen sein, sie habe damit „Nazis veräppeln“ wollen. 1981 musste sie ihren gerichtlichen Widerstand gegen die Bezeichnung „Nazi-Poetin“ aufgeben, was ihr von rechten Blättern immer wieder hämisch vorgehalten wurde. Vermutlich deshalb kehrte sie zum Leugnen zurück. Als die amerikanische Germanistin Diana Orendi Hinze sie 1987 auf die Nazizeit ansprach, wurde sie wütend. Dem Schriftsteller Michael Kleeberg schrieb sie 1996, „wer ihr zutraue, so etwas jemals geschrieben zu haben, mit dem wolle sie nichts zu tun haben“.

          Eine „Jugendtorheit“, wie Kleeberg vorschlagen wollte, war das Gedicht nicht. Die intelligente Junglehrerin war dreiundzwanzig, als sie es schrieb. Es reproduziert ein damals verbreitetes antiindividualistisches Denkmuster. Emotional intensiv bringt es die antibürgerliche Erwartungsstimmung der Jugendbewegung zum Ausdruck. Während die satten Bürger in den Niederungen „schnarchend vom ewigen Frieden“ träumen, wacht die „von ewig eisernem Wort“ angerufene, einem charismatischen Führer verpflichtete Jugend auf hoher Warte und in nach Hölderlins vaterländischem Gesang modelliertem, rauschhaftem Lebensgefühl, bereit zu Dienst und Opfer. „Kühl, hart und wissend ist dies wache Geschlecht, / Nüchtern und heiliger Trunkenheit voll, / Tod oder Leben, ein Rausch, gilt uns gleich - / Wir sind Deutschlands brennendes Blut.“

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