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José Eduardo Agualusa: Das Lachen des Geckos : Lachender Lauschangriff

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José Eduardo Angualusa schlüpft in seinem Roman „Das Lachen des Geckos“ in die Haut eines Reptils, um vom angolanischen Bürgerkrieg zu erzählen. Der 1960 geborene Autor gehört zu den wenigen im Land verbliebenen Nachkommen der kolonialen Oberschicht aus Portugal.

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          Félix Ventura tanzt aus der Reihe. Das beginnt mit seinem Äußeren: Als Albino ist er in Angolas Hauptstadt ein bunter Hund, auffälliger noch als ein Tourist, obgleich doch Einheimischer. Ebenso ungewöhnlich ist sein Broterwerb. Offiziell nennt er sich „Genealoge“. Doch seine Arbeit besteht weniger darin, die wahren Stammbäume seiner Kunden zu enthüllen, als vielmehr darin, sie zu verdecken - indem er neue erfindet. Proletarische Politiker erhalten durch ihn adlige Gnaden, Aufsteiger aus den Vorstädten Luandas werden zu Nachfahren portugiesischer Entdecker. Und ein mysteriöser Ausländer ungewisser Herkunft erhält durch Ventura eine afrikanische Identität als Burenspross José Buchmann - wobei er dies ihm neu geschenkte respektive verkaufte Leben plötzlich so ernst nimmt, dass er den verängstigten Ventura zu immer neuen, realen Recherchen nach seiner erlogenen Erinnerung und Vergangenheit treibt.

          Félix Ventura hat sonderbare Marotten. Wenn er nicht mehr weiß, wohin, wendet er sich zu Hause an seinen schweigsamen Vertrauten Eulálio. Der hängt in einem Versteck an der Außen-wand vor dem Fensterladen und belauscht das Geschehen - manchmal auch, jenseits des Blicks der Besucher, an der Decke des Wohnzimmers - und quittiert Venturas Nöte meist in wenig sensibler Weise mit gellendem Lachen. Daneben betätigt sich Eulálio auch als Ich-Erzähler des Romans mit einer selten erlebten voyeuristischen Insistenz: Er verlässt seinen Posten nicht einmal, wenn der Hausherr Besuch durch die hübsche Fotografin Ângel Lúcia erhält, die als einzige Frau vor Ventura, dem weißen Schwarzen, dem Außenseiter, keinen Ekel empfindet.

          Reise in eine schmerzliche Erinnerung

          All dies bewegte sich noch im Rahmen des Gewöhnlichen, wäre dieser Eulálio nicht ein Gecko. Dass die Subspezies der sogenannten „Afrogeckos“ durchaus einen dem Lachen ähnelnden Laut von sich geben können, ist dabei noch ein bekanntes, zoologisch korrektes Detail. Dass ein Erzählwerk aus der Perspektive eines via Seelenwanderung in die Haut eines Reptils reinkarnierten Ex-Menschen geschrieben ist, bedeutet literaturgeschichtlich hingegen zweifellos eine neue Erfahrung, zumal es bis-lang kaum philologische Studien geben wird über Stil und Syntax von Schuppenkriechtieren. Wie aber lässt sich aus solch hanebüchenen Elementen eine Romanhandlung stricken, ohne in fragwürdig-spiritistische Esoterik, billige Fantasy-Stereotype oder Anleihen an einen überstrapazierten „magischen Realismus“ abzugleiten?

          Die Leistung des Erzählers Agualusa besteht nicht so sehr in der Schaffung dieses bis zum Schluss befremdlichen Szenarios, sondern darin, dass es ihm gelingt, daraus ein packendes literarisches Zeugnis zu entwickeln, das tief in die Abgründe der angolanischen Gesellschaft mit ihren Wunden aus mehreren Jahrzehnten Bürgerkrieg eindringt. Aus dem Kammerspiel mit Gecko in Félix Venturas Arbeitszimmer, aus den sporadischen Begegnungen mit der jungen Geliebten und dem in sein falsches Sein verliebten Buchmann eröffnet sich unvermutet die Reise in eine schmerzliche Erinnerung: zu den Anfangstagen der mit Hilfe von Kreml und Castro erkämpften angolanischen Unabhängigkeit, zu Schicksalen, die von Mord, Flucht und Verzweiflung gezeichnet sind.

          Schrei nach Freiheit

          So schafft Agualusa eine faszinierende Berührung mit der Geschichte eines Landes, dessen Kultur bei uns nur im Ausnahmefall wahrgenommen wird. Denn abgesehen von dem jüngst auch in deutscher Sprache erfolgreichen Krimiautor Pepetela, war der letzte angolanische Schriftsteller, dessen Gedichtbände mit Titeln wie „Angola, heilige Hoffnung“ - dank linker Kleinverlage im Westen sowie staatlich verordneter Solidarität im Osten - für Aufmerksamkeit sorgten, der Rebellenführer und erste Präsident des Landes, Agostinho Neto. Und das war in den Siebzigern.

          Der 1960 geborene José Eduardo Agualusa gehört nicht nur einer anderen Generation an. Wie sein Held Félix Ventura ist auch er im heutigen Angola ein Außenseiter - nämlich einer der wenigen im Land verbliebenen Nachkommen der kolonialen Oberschicht aus Portugal. Politik äußert sich in seiner Prosa nicht mehr als ein die Grenzen des Literarischen sprengender Schrei nach Freiheit, sondern als ein epischer Stoff, der die Begegnung mit der kollektiven Erinnerung und ihren Traumata möglich macht - und sei es, wie hier, aus einem unterhaltsamen Genreroman heraus. Sein durchdringendes „Lachen des Geckos“ könnte die Vorlage zu einem politischen Thriller bieten, wie ihn uns das afrikanische Kino bislang noch immer vorenthält.

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