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Jorge Semprun: Überlebensübungen : Der Mann, der die Opfer ins Licht setzt

Bild: Suhrkamp Verlag

Das letzte Buch von Jorge Semprun erscheint auf Deutsch. In „Überlebensübungen“ zieht er die Summe seines verfolgten Lebens im zwanzigsten Jahrhundert.

          Heute vor 75 Jahren tobte der staatlich organisierte Mob in Deutschland, verhaftete, verletzte und ermordete Menschen, zündete Synagogen an und fühlte sich dabei großmächtig. Aus den Nachbarstaaten blickte man fassungslos zu, aber durch das Münchner Abkommen hatte man wenige Wochen zuvor Hitler freie Bahn gegeben. Gegen das Großdeutsche Reich und die anderen totalitären Regime in Europa standen nur noch Einzelpersonen, die Demokratie schien besiegt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Aus diesem Erlebnis resultiert die grundlegende Erfahrung des späteren Widerstands gegen die nationalsozialistische Herrschaft, egal, wo und wie er stattfand: Misstrauen auch gegen die, die denselben Gegner bekämpften. Als Jorge Semprun, der 1923 geborene Sohn einer spanischen Politikerfamilie, sich 1942 im Pariser Exil dem Widerstand gegen die deutschen Besatzer anschloss, wurde er unter dem Decknamen „Gérard“ Bote des Résistance-Führers Henri Frager alias „Paul“, der in Kooperation mit den Briten Waffen nach Frankreich schmuggeln ließ.

          Doch seine englischen Verbündeten waren ängstlich darum bemüht, die Weitergabe dieser Lieferungen an andere Widerstandsgruppen zu verhindern, obwohl die eigenen Verstecke immer wieder verraten wurden. Nachdem er von der Gestapo festgenommen worden war, wurde Semprun mit Gummiknüppeln gefoltert, die aus solchen verratenen und beschlagnahmten Lieferungen stammten. Davon erzählt er in seinem letzten Buch, „Überlebensstrategien“, das er 2005 begonnen hatte, aber nicht mehr beenden konnte. Semprun starb nach schwerer Krankheit 2011 in seiner Lebensstadt Paris.

          Einzelgänger im Widerstand

          Das Werk dieses Schriftstellers ist ein durch und durch autobiographisches, selbst in Romanen wie „Algarabia“, das 1981 als erstes rein fiktionales Werk ausgegeben wurde. Sein Leben ließ Semprun nicht los, und man könnte vermuten, seine Leiden täten dies gleichfalls nicht, denn nach Festnahme und Folter wurde er Anfang 1944 nach Buchenwald deportiert, wo er fünfzehn Monate im Konzentrationslager überlebte und Henri Frager wiedertraf, der dort ermordet werden sollte. Doch es ist nicht das Leid, was seine Bücher prägt, auch nicht die jetzt auf Deutsch erschienenen „Überlebensübungen“.

          Es ist der Stolz, überlebt zu haben. Der Überlebende ist für Semprun das, was für dessen Gegenfigur der Homo sacer ist - die Symbolfigur des zwanzigsten Jahrhunderts. Sempruns Überlebender ist Mitglied einer Gemeinschaft aus lauter Individualisten, die gegen die Nazis gekämpft haben oder später gegen Franco - er selbst wirkte bis 1962 fast zehn Jahre lang als geheimer Chef der Kommunistischen Partei in Spanien. Am Schluss aber war er auch dort wieder isoliert, nicht nur durch den Feind, und nach der Rückkehr ins französische Exil wurde er 1964 aus der Partei ausgeschlossen.

          Die Missachtung eines Kollektivs für die ihm angehörenden Überzeugungstäter und Überlebenkünstler ist prägender für Sempruns Weltsicht gewesen als die Schmerzen, die er erdulden musste. Und doch: In einer der vielen bewegenden Passagen seiner „Überlebensübungen“ schreibt er: „Damit sie einen Sinn hat, fruchtbar wird, muss man in der entsetzlichen Einsamkeit der Marter das Wir-Ideal postulieren, eine unaufhörlich zu verlängernde, zu rekonstruierende, zu erfindende gemeinsame Geschichte.“ Das ist eine persönliche Poetik, festgehalten im letzten Buch.

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