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Jonathan Franzen: Weiter weg : Ein kleine Prise Zynismus steht ihm erstaunlich gut

  • -Aktualisiert am

Bild: Rohwolt

Über die Liebe zur Welt und den Kolibri als Helfer auf der Flucht vor sich selbst: Neue Reportagen, Essays und Kurzgeschichten von Jonathan Franzen.

          5 Min.

          Ein neues Buch von Jonathan Franzen ist immer ein Ereignis. Das liegt an den Büchern von ihm, die wir schon kennen, vor allem an seinen beiden großen Romanen „Die Korrekturen“ und „Freiheit“. Aber es liegt auch daran, dass sich Franzen immer ungeheuer viel Zeit lässt. Zwischen dem Erscheinen der deutschen Übersetzungen der beiden Romane vergingen immerhin acht Jahre. Das ist für eine Leserschaft wie uns, die an einen völlig anderen Rhythmus von Stimulation durch neue Titel, junge Autoren und letzte Nachrichten längst gewöhnt ist, eine nahezu aufreizend lange Zeit.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es ist ja nicht so, dass man Franzen nicht glauben würde, wenn er, was er öfters getan hat, erzählt, wie es Monate dauerte, bis er sich mit einer bestimmten Figur, etwa Joey in „Freiheit“, angefreundet hatte, wie er ewig nach einer Form für ihn suchte, die er selbst mochte. Aber man fragte sich zuweilen schon, ob es realistisch ist, dass sich ein Mensch so viele Jahre mit ein und demselben Manuskript beschäftigt. Und auch, wenn man die Antwort schon kannte (Nein, das ist nicht möglich), ist man doch froh, nun ein Buch in Händen zu halten, das diese Antwort belegt. „Weiter weg“ versammelt Essays, Kurzgeschichten und Reportagen, die Jonathan Franzen in den Jahren 1998 bis 2011 geschrieben hat, also noch vor, während und nach dem Erscheinen seiner beiden großen Romane. Und womit hat er sich da beschäftigt? Wenn man es in einem Wort fassen möchte, dann müsste man wohl sagen: mit der Liebe.

          Vom Zeitalter der Aufrichtigkeit

          Es geht in den einundzwanzig Texten zwar nur an wenigen Stellen explizit um die Liebe - zu einer Frau, zur Literatur und immer wieder zu Vögeln (denn Vögel sind Jonathan Franzens große Leidenschaft). Aber als sinnstiftendes, erstrebenswertes Ziel, auf das alles menschliche Bemühen letztlich zuläuft und zulaufen muss, schimmert sie aus nahezu jedem Essay. Das beginnt mit der Rede, die Franzen vor den Absolventen des Kenyon College im Mai 2011 gehalten hat. Es ist, um das gleich zu sagen, eine gute, aber keine großartige Rede. Franzen setzt darin dem Narzissmus fördernden „Technokonsumismus“ unserer Tage (er meint die Fähigkeit der Märkte, uns glauben zu machen, dass wir nur mit immer neuen Produkten vollkommene Menschen sind) das Wagnis echter Hingabe entgegen. Er spricht vom Schmerzrisiko der Liebe und allgemein vom Schmerz als dem „natürlichen Indikator des Lebendigseins in einer widerständigen Welt“. Das ist für junge Menschen, die gerade ein College verlassen, um die Welt zu erobern, sicher ein nützlicher Hinweis, für Leser, die dieses Alter hinter sich gelassen haben, ist es - sorry, Sir - eine Binsenweisheit.

          Interessanter sind deswegen die Beobachtungen, die Franzen in einem anderen, 2008 verfassten und recht persönlich gehaltenen Essay zusammengefasst hat: In „I just called to say I love you“ zeigt er sich empört über den rasanten Wandel der Zeiten, ja, er wird sogar richtiggehend zynisch, und man muss sagen, das steht ihm gut. Heutzutage flötet ja nicht nur Stevie Wonder intime Bekenntnisse ins Telefon, jeder macht es, immer, überall und vor allem öffentlich. Der Handy-Fetischismus seiner Landsleute, das verlorengegangene Gefühl für Diskretion geht für Franzen einher mit einer „plötzlichen, mysteriösen, katastrophalen Sentimentalisierung des öffentlichen Diskurses in Amerika“. In dem zur Abschiedsfloskel degradierten „I love you“, das nun jedermann vor aller Ohren ins Handy säuselt, hört Franzen ein makabres Echo auf die letzten Telefonate der Opfer des 11.September. Verantwortlich für den Siegeszug des Privaten ist demnach nicht nur die Technologie, sondern auch das Ende der Ironie, das in Amerika nach 9/11 ausgerufen wurde - was folgte, war ein in Franzens Augen kolossal fehlinterpretiertes „Zeitalter der Aufrichtigkeit“.

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