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Jonathan Franzen: „Korrekturen“ : Jeder Satz ein Abenteuer im Wald

Ein Roman, der es sich zum Ziel gesetzt hat, auf achthundert Seiten jeder seiner zahllosen, detailliert gezeichneten Figuren ein Übermaß an Zuwendung, Verständnis, Liebe und Gerechtigkeit entgegenzubringen, müßte eigentlich einem umgestürzten Honigtopf gleichen: Zäh, süß und behäbig sucht sich eine ...

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          Ein Roman, der es sich zum Ziel gesetzt hat, auf achthundert Seiten jeder seiner zahllosen, detailliert gezeichneten Figuren ein Übermaß an Zuwendung, Verständnis, Liebe und Gerechtigkeit entgegenzubringen, müßte eigentlich einem umgestürzten Honigtopf gleichen: Zäh, süß und behäbig sucht sich eine klebrige Masse ihren Weg, Zuckerlava, vor der sich jeder Leser in Sicherheit bringen muß, will er nicht darin erstarren und zu Tode karamelisiert werden.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Jonathan Franzens Roman "Die Korrekturen" ist ein solches Buch. Aber man überlebt diese achthundert Seiten nicht nur unversehrt, sondern geht mit jenem eigentümlichen Gefühl aus der Lektüre hervor, das nur große Literatur wecken kann: Man fühlt sich beschenkt und bereichert, auch wenn man eigentlich nichts, wovon man gerade gelesen hat, selbst erleben möchte.

          Das gilt natürlich besonders für die zahlreichen seelischen und körperlichen Gebrechen, die in diesem Buch eine große Rolle spielen. Wenn es stimmt, daß fast jeder von uns früher oder später die Alzheimersche Krankheit bekommen würde, die meisten aber sterben, bevor sie ausbricht, sollte Franzens Roman "Die Korrekturen" von jedermann gelesen werden. Beklemmender, genauer und anrührender ist wohl noch nie beschrieben worden, wie ein Mensch sein Gedächtnis, seinen Verstand, seine Umwelt und schließlich auch sich selbst verliert, wie es sich anfühlen mag, wenn die eigene Persönlichkeit nicht mehr ist als ein Gesicht, dem man auf der Straße in der Menge begegnet: Es kommt einem bekannt vor, aber es könnte ebensogut eine Verwechslung sein.

          Und auch die Worte gehen verloren: "Dann begann er einen Satz: ,Ich habe -', doch wenn er überrumpelt wurde, war jeder Satz ein Abenteuer im Wald, und sobald er die Lichtung, an der er den Wald betreten hatte, nicht mehr sah, bemerkte er, daß die Brotkrumen, die er zu seiner Orientierung hatte fallen lassen, von Vögeln aufgepickt worden waren, leisen, flinken, pfeilgeschwinden Dingern, die er in der Dunkelheit nicht recht ausmachen konnte, obwohl sie ihn in ihrem Hunger so zahlreich umschwärmten, daß es schien, als wären sie die Dunkelheit, als wäre die Dunkelheit nicht gleichförmig, keine Abwesenheit von Licht, sondern etwas Wimmelndes . . ."

          Es ist ein verwirrter alter Vogelfänger, von dem hier ganz am Anfang des Buches die Rede ist in einem Satz, der noch weitergeht, sich über weit mehr als eine Seite erstreckt und an dessen Ende sich die vermißten Wort doch noch einfinden: ". . . ,habe gepackt', hörte er sich sagen." Aber es ist Donnerstag, und die Reise soll erst am Sonntag beginnen.

          Mit den Brotkrumen aus Grimms Märchen gibt dieser Satz die Richtung vor, in die die Reise des alten Mannes führen wird: in ein Kinder- und Märchenland, heiter und schrecklich zugleich, wo man verletzlich und wehrlos lebt, unbekümmert und gejagt von den schrecklichsten Furien. Alfreds Krankengeschichte ist die Geschichte von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen.

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