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Jonas Lüscher: Der Frühling der Barbaren : Aufruhr im Paradies

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Bild: Verlag

Vor dem großen Kater kommt die Kündigung: Jonas Lüschers faszinierende Novelle „Frühling der Barbaren“ erzählt in verstörend leichtfüßigem Ton von der Dramatik eines Börsencrashs.

          Der Schritt, der eine Gesellschaft davor bewahrt, die Moral über Bord zu werfen, ist klein. Das ist die bittere Lektion, die der Schweizer Unternehmer Preising aus dem Urlaub mit nach Hause bringt.

          Dabei steht sie in einem seltsamen Kontrast zu dem unaufgeregten Ton des Erzählers. Was Preising in der nordafrikanischen Wüste erlebt, nachdem er seine Geschäfte in der Stadt erledigt hat, ist eine Geschichte voller unglaublicher Wendungen, abenteuerlicher Gefahren und exotischer Versuchungen. Denn statt bei Anwendungen im Spa-Bereich des Luxushotels zu entspannen, wird er Zeuge von Hochmut und Fall in Zeiten der Krise.

          Vom Verhängnis der Jeunesse dorée

          Alles beginnt mit den Vorbereitungen einer luxuriösen Hochzeit, die ein junges Pärchen aus der Londoner Finanzwelt mit allem Prunk und siebzig Gästen, die eigens aus England angereist sind, ausrichtet. Der Leitspruch dieser Welt, je gedeckter die Farben der Badekleidung, desto gedeckter der Scheck, scheint jedoch inzwischen überholt.

          Das Spiel, auf das sich die jungen Leute im „Thousand and One Night Resort“ so gut verstehen, ist vielmehr so wirkmächtig, weil ihnen die irrsinnigen Summen, die sie verdienen und mit denen sie in London tagtäglich hantieren, Sicherheit und Autorität verleihen. Dass diese nur geborgt sind und so sehr schwanken wie die Börsenkurse, wird der jeunesse dorée zum Verhängnis.

          Jonas Lüschers faszinierende Novelle spielt zwar in naher Zukunft, erzählt aber wunderbar altmodisch von der Hybris des Kapitalismus und vom wirtschaftlichen Kollaps, ohne je zu moralisieren: „Während Preising schlief, ging England unter. Es hatte sich schon am Abend zuvor abgezeichnet, aber in der Nacht hatten sich die Dinge noch einmal verschlechtert“, heißt es in der klug konstruierten Geschichte, deren beiläufiger Ton sich durch die gesamte Erzählung zieht.

          Preising, Erbe eines Schweizer Unternehmens, das mit der Erfindung der Wolfram-CBC-Schaltung ein Vermögen gemacht hat, freundet sich im Hotel mit Pippa an, der Mutter des Bräutigams, die in einer rührenden Szene während eines missglückten Gedichtvortrags zur Hochzeit dem zur Schau gestellten Pomp zum Opfer fällt. Meist aber sind die Szenen vor allem grotesk, etwa als Preising beobachtet, was geschieht, als bei einem Jeep-Ausflug eine Gruppe Kamele von Touristen überfahren wird.

          Während die Zeitungen längst nur noch ein Thema kennen, das überraschende Wiederaufflammen der Finanzkrise und dabei vor allem die mehr als prekäre Lage Englands, wird in schmucken weißen Zelten im lichten Palmenhain des Hotels gefeiert, als sei es das letzte Mal. Dann aber wird über Nacht der Geldhahn zugedreht.

          Noch vor dem Kater erhalten die Feiernden ihre Kündigungen per SMS. Ihre Plastikkarten sind nichts mehr wert, und auch die arabische Hotelmanagerin hat kein Mitleid mit den zahlungsunfähigen Gästen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Jonas Lüscher derzeit bei Michael Hampe an der ETH Zürich eine Promotion zu der Frage verfasst, inwieweit Literatur ein geeignetes Werkzeug ist, komplexe soziale Probleme zu beschreiben.

          Auf dem Weg in die Barberei

          In seiner Novelle tut der von Richard Rortys Neopragmatismus beeinflusste Autor dies, indem er die globale Finanzkrise und ihre dramatischen Auswirkungen aufgreift, ohne sie erklären zu wollen. Dem widersetzt sich schon die traditionelle Form der Novelle, die der Autor gewählt hat. Vor allem aber hat Lüscher mit Preising einen Helden ins Zentrum seiner Geschichte gerückt, der selbst niemals handelt, der nicht eingreift und auch keine Verantwortung übernimmt.

          Die Geschichte führt in die Barbarei, so viel sei an dieser Stelle verraten. Doch darf man nicht übersehen, dass Preising inzwischen wie der Begleiter, dem er von den Begebenheiten in Tunesien erzählt, Insasse einer psychiatrischen Anstalt ist. Noch also ist nicht ausgemacht, was in dem durchaus realistisch geschilderten Szenario Realität ist und was Preisings Wahn entspringt.

          Der Autor will in einer auf analytisches Wissen fixierten Gesellschaft die Literatur als Mittel zur Beschreibung der Welt profilieren, die sich eben nicht wie mathematische Modelle mit allgemeinen Erfahrungen begnügen muss, sondern den Einzelfall betrachten kann. Das scheint die Wissenschaft zu interessieren. „Frühling der Barbaren“ ist nämlich nicht nur ein gelungenes literarisches Debüt, sondern inzwischen sogar Bestandteil von Lüschers Promotionsschrift.

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