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John Wray: Retter der Welt : Licht inmitten des Tunnels

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Schon sein Debüt „Die rechte Hand des Schlafes“ war ein kleines Wunder. Jetzt gibt es einen neuen Roman von John Wray: „Retter der Welt“. Er hat das Zeug zum Klassiker.

          5 Min.

          Heile Menschen trifft man in der Literatur noch seltener als im Leben. Aber auch wenn die Grenzen zwischen Realität und Vorstellung dort wie hier fließend sind, gehören doch Mut und Können dazu, einen Schizophrenen zum Helden eines Romans zu machen. Dass John Wray beides in hohem Maße besitzt, macht „Retter der Welt“ zu einem herausragenden Werk.

          Der Roman erzählt von einem Tag der Freiheit im Leben des William Heller. William, der sich selbst „Lowboy“ nennt, wie der Roman im Original heißt, ist sechzehn Jahre alt und paranoid schizophren, weshalb er die letzten anderthalb Jahre nicht bei seiner Mutter Violet, sondern in einer Klinik verbracht hat, wo man seine Medikation eingestellt hat. Kurz vor dem Tag, an dem er endlich entlassen werden sollte, hat er die Tabletten heimlich abgesetzt und sich an die Oberfläche seines Bewusstseins zurückgekämpft. So schafft er es, den Pflegern zu entwischen, die ihn nach Hause begleiten sollten. Nun, da er mit der Subway durch den Untergrund New Yorks kreuzt, fühlt er so etwas wie Glück in sich aufsteigen, denn die Zugfahrt entspannt ihn: „Sein verkrampftes, klaustrophobisches Hirn empfand etwas wie Zuneigung für den Tunnel. Es war schließlich sein Kopf, der ihn gefangenhielt, nicht der Tunnel, die anderen Passagiere oder der Zug.“

          „Ich moechte mich Dir oeffnen wie eine Blume“

          William ist von einer Mission beseelt: Er ist überzeugt, dass die Welt in wenigen Stunden untergehen wird - und dass er berufen ist, sie zu retten. Als Einziger hat er die Zeichen erkannt und gedeutet, und jetzt muss er sich beeilen und die überhitzte Welt abkühlen, bevor sie verglüht. Lektürefetzen zur Klimakatastrophe haben sich in seinem Kopf mit diffusen Erlösungsphantasien zu einer bizarren, in sich aber vollkommen schlüssigen Überzeugung verquickt: Die Welt ist in ihm, deshalb kann er sie, indem er sich selbst abkühlt, mitabkühlen. Für diesen Temperatursturz aber muss er ein Opfer bringen, das ihn, ganz wie der Anblick von Geld, mit Sehnsucht und Ekel zugleich erfüllt: Er muss mit jemandem Sex haben. William, der die Entzugserscheinungen seines Körpers so wenig einordnen kann wie das Verhalten der Menschen um ihn herum, ist sich der Fragilität seines Zustands und seiner aufzuckenden Erleuchtung bewusst: „Wenn er jetzt unachtsam wurde, konnte er von dem Weg abkommen, den sein Ruf ihm wies, konnte ihn mit etwas anderem verwechseln oder ihn vielleicht sogar ganz vergessen.“

          Williams Odysee durch das U-Bahn-System von New York wechselt sich ab mit der Schilderung dessen, was hoch oben geschieht, im Tageslicht vermeintlicher Normalität. Die Polizei ist wegen des entlaufenen Patienten alamiert worden, und der mit dem Fall betraute Detective versucht in Gesprächen mit Williams Mutter Violet die Krankengeschichte und damit auch das Verhalten des Jungen besser zu verstehen. Grund zur Sorge und Eile besteht, weil William, bevor er in die Klinik kam, seine Freundin Emily auf die U-Bahn-Gleise gestoßen hatte. Zwar ist sie mit dem Leben davongekommen, aber die Polizei geht davon aus, dass Will erneut gewalttätig werden könnte, wenn er sich in die Enge getrieben fühlt. Ihn einzufangen erweist sich jedoch als überraschend schwierig. Und während der Junge seinen Verfolgern unter der Erde Haken schlagend und Züge wechselnd immer wieder entkommt, erscheint Detective Ali Lateef, der hoch über ihm seine Winkelzüge nachzuvollziehen sucht, immer mehr als eine Art Spiegelbild: ein Mann, der seinen Namen nicht mag, der Anagramme und Rätsel liebt und der immer mehr in den Bann von Williams rätselhafter Mutter gerät. Lateef entschlüsselt auch die Botschaft, die Will ihr hinterlassen hat: „Ich moechte mich Dir oeffnen wie eine Blume Violet. Wie eine Bluete in einem Gedicht. Ich denke dass wuerde helfen denn die Welt ist in mir und das wird/koennte helfen die Welt abzukuehlen.“

          Fluch oder Gabe

          Der Roman ist ein Fest für Freunde von Codes und Mustern, doch in ihrer Entzifferung liegt nicht der Anspruch dieses erstaunlichen Buches, dessen Lektüre Wills Fahrt mit der U-Bahn ähnelt: Man steigt ein und darf sich getrost darauf verlassen, dass der Tunnel, diese Megametapher des Romans, die Richtung vorgibt, dass die Erzählung trägt. Am Ende fühlt sogar Lateef den Sog: „Er spürte jetzt immer stärker den bedrückenden Zugriff des Tunnels, seine Macht, der er sich nicht entziehen konnte. Vielleicht liegt es daran, dachte er. Wir haben hier nichts mitzureden. Wir können weder die Geschwindigkeit beeinflussen nich die Reihenfolge der Stationen.“

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