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John von Düffel: Goethe ruft an : Wassergespräche nach Kaminfeuerart

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Bild: Verlag

Vom Zwang zur Tiefe und dem Fehlen der Mitte: John von Düffel schreibt einen Roman, der von den Schwierigkeiten des Schreibens handelt - und der mit ebendiesem so seine Mühe hat.

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          „Goethe ruft an“ lautet nicht nur der Titel, sondern auch der erste Satz von John von Düffels neuem Roman, in dem es viel um erste Sätze geht. Auf der vorletzten Seite des Romans stellt dessen Erzähler kategorisch fest, „Goethe ruft an“ sei aufgrund seines mangelnden Gehalts „doch kein erster Satz“, und relativiert damit ironisch das Problem des ersten Satzes, über das endlos in diesem Buch diskutiert wird. Allerdings wird in diesem Roman, der von einem Schreibkurs in der Lausitz erzählt, nie über Titel gesprochen, was schade ist, denn nun stellt sich doch die Frage, ob „Goethe ruft an“, obgleich kein guter erster Satz, denn ein guter Titel für einen Roman sei. Klingt er nicht arg nach einem literarischen Pennälerscherz? Leider wird man sagen müssen, dass gerade aus diesem Grund sein Titel den Roman gar nicht schlecht charakterisiert.

          Dabei ist der Goethe dieses Buches gar nicht der richtige Goethe, sondern ein Freund des Erzählers: ein Großautor und Erfolgsschriftsteller ohnegleichen, mit ungehemmter Vitalität unablässig auf hohem und höchstem Niveau produzierend, auf allen Podien dieser Welt zu Hause, mit Preisen gesegnet, auf die Spitzen der Bestsellerlisten abonniert und deshalb von dem Erzähler mit so widerwilliger wie eingeschüchterter Ironie als Klassiker zu Lebzeiten Goethe genannt. Der Erzähler selbst aber ist als Schriftsteller in jeder Hinsicht das Gegenteil Goethes: gänzlich erfolglos, die wandelnde Schreibblockade, nicht einmal ein unerfülltes Versprechen, literarisch und auch sonst der Welt ziemlich abhandengekommen. Ausgerechnet diesen literarischen Underdog bittet der große Goethe in einem Überraschungsanruf, von heute auf morgen als sein Stellvertreter einen Schreibkurs in einem Spreewaldhotel zu übernehmen, den er selbst zweimal, mit größtem Erfolg natürlich, geleitet hat; Thema: „Leichtschreiben“. Denn Goethe muss rasch nach China fliegen, weil dort sein Goethe-Roman ganz oben auf die Bestsellerliste gelangt ist. Damit nichts schiefgehen kann, schickt Goethe gleich seine Assistentin - in den Augen des Erzählers naturgemäß Frau Eckermann - mit einer Mappe vorbei, in der er beim ersten Kurs in einem gewaltigen Rausch allerleichtesten Schreibens all das niedergelegt hat, „was es zum Thema Leichtschreiben zu sagen und zu schreiben gebe“, nicht zuletzt die Formel für den idealen, also so leicht wie tief geschriebenen Goethe-Roman. Vom Redefluss des großen Meisters überwältigt, sagt der Erzähler zu.

          Alles geht schief, was schiefgehen kann

          Von da an steht fest, dass alles völlig danebengehen muss. Denn die von John von Düffel seinem Buch zugrunde gelegte Personenkonstellation aus einem klaren Plus und einem ebenso klaren Minus - der eine Autor wie der andere in karikaturistischer Überzeichnung - ist nicht diejenige eines sich um psychologische Plausibilität bemühenden Romans, sondern die der Farce, der Situationskomödie - kein Wunder also, dass dieser Roman zum größten Teil aus Dialogen besteht. Alles geht schief, was schiefgehen kann, und dies nicht allein deswegen, weil nun einmal ein Minus kein Plus zu ersetzen vermag, nicht einmal in der Didaktik des kreativen Schreibens, sondern weil die vier Teilnehmer des Kurses - hinzu kommt am letzten Tag als Überraschungsgast Frau Eckermann - ohnehin nur daran interessiert sind, an die Geheimnisse der Goethe-Mappe zu gelangen: der pensionierte Großkritiker Schwamm, der einst aufs tödlichste das erste Buch des Erzählers verrissen hat und seit Jahren vergeblich versucht, den ersten Satz für ein eigenes literarisches Werk zu finden; die schamlos produktive Unterhaltungsschriftstellerin Hedwig (wie Courts-Mahler), ein hoch erotisches „Panther-Weibchen“ auf vergeblicher Suche nach literarischer „Tiefe“; die gouvernantenhaft strenge Marlies, die ausgerechnet mit menschenleerer Naturlyrik Nähe erschreiben will, während ihr homosexueller Ehemann Hermann an einem Erzählwerk arbeitet, dessen einziges Thema die Entfernung (“räumliche, zeitliche und die Entfernung zwischen dir und mir“) bildet. Das sind, wie man sieht, vier herrlich ins Karikaturistische überdrehte Figuren, mit denen sich gut arbeiten lässt, was John von Düffel auch mit eminentem Witz tut. Nur: Diese Figuren sind Komödientypen, keine Charaktere, die Geheimnisse haben oder unvermutete Ambivalenzen aufweisen. Solche Typen interessieren den Leser nicht um ihrer selbst willen, sondern nur der komischen Effekte wegen, die sie produzieren.

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