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John Griesemer: Herzschlag : Ich spiele, also bin ich

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Theater als Therapie: Der ehemalige Broadway-Schauspieler John Griesemer hinterfragt in seinem autobiographisch gefärbten Roman „Herzschlag“ die Bedeutung der Bühne für sein Leben.

          Das Genre der Autobiographie ist Trend. Kaum ein Schriftsteller, der sich die Chance zu dieser gewinnbringenden Selbstvermarktung entgehen ließe, zuletzt zum Beispiel Shalom Auslander mit seinem skandalösen Lamento „Eine Vorhaut klagt an“, in dem er mit dem orthodox-jüdischen Umfeld seiner Kindheit ins Gericht geht. Oder man denke an den kürzlich verstorbenen John Mortimer, der seine Leser mit nicht weniger als vier autobiographischen Bänden erfreute. Warum auch nicht: Das Autobiographische befriedigt die Sensationslust des Lesers nach privaten Enthüllungen in besonderer Weise, und schließlich geht es hier nicht primär um die mehr oder minder hohe Kunst des Romans, sondern um die persönlichen Lebenserfahrungen des Autors. Trotzdem eignet sich gerade die Autobiographie, zumal die eines Schriftstellers, besonders gut dafür, die fließenden Übergänge zwischen Fakt und Fiktion, Autor und Werk näher zu betrachten. Wo dieses Verhältnis gänzlich unhinterfragt bleibt, entsteht eine ungute Allianz von Kunst und Selbst. Genau das ist das Problem von John Griesemers autobiographisch gefärbtem Roman „Herzschlag“, dem Buch, das der ehemalige Broadway-Darsteller schon immer schreiben wollte: über die Bedeutung des Schauspielens für sein Leben.

          Aus der Perspektive des Ich-Erzählers schildert Griesemer das Leben von Noah Pingree, der sein Leben schon von klein auf dem Theater anvertraut. Nicht umsonst zitiert die altehrwürdige Leiterin der Schauspielschule, an der Noah seine Kindheit und Jugend verbringt, mit Vorliebe aus Rilkes „Archaischem Torso Apollos“: „Du musst Dein Leben ändern.“ Diese Forderung des antiken Kunstpatrons wird besonders dringlich, als Noah, inzwischen ein alternder aber immer noch aktiver Schauspieler, einen Schlaganfall erleidet. Körper und Stimme versagen den Dienst, kaum vermag er seinen Alltag, geschweige denn eine Bühnenperformance, zu meistern. Er muss umdenken, und da er nie etwas anderes kannte als Theater, dient dieses ihm nun verstärkt als Medium der Selbsttherapie. Darin ist er das Alter Ego seines Autors: auch Griesemer selbst bekennt, erst übers Schauspielen seine wahre Identität gefunden zu haben.

          Der leidende Noah humpelt zu Ground Zero

          „Herzschlag“ schildert Noahs Versuche, sein verlorenes Selbst wiederzufinden, indem er seine bisherige Schauspielkarriere Revue passieren lässt. Das Buch changiert zwischen Noahs Zustand nach dem Schlaganfall und Rückblenden in seine Kindheit. Dazwischen geschaltet sind seine Koma-Visionen, in denen er einen kleinen Jungen untätig auf einer Bühne herumsitzen sieht. Ähnlich unterhaltungsarm ist die erste Hälfte von „Herzschlag“, die sich wie ein ausgedehntes dramatis personae liest: über Anekdoten werden die Schauspieler der „Marshalsea Academy of Dramatic Arts“ eingeführt. Der kleine Noah beobachtet zum Beispiel, wie seine alkoholabhängige Tante Stephanie mit Ike Devoe, der es später nach Hollywood schaffen wird, eine Szene probt, und es dämmert ihm, dass sowohl seine Tante wie auch seine Mutter Ikes sexuellem Charme erliegen.

          Wie der Junge aus den Koma-Visionen des erwachsenen Noahs wirkt das Kind Noah eher passiv und beobachtend, und sein Weg vom bloßen Zuschauer hin zum Schauspieler will nicht recht überzeugen. Ähnlich schwach ist Griesemers Versuch, dieser wenig weltumfassenden Geschichte größere Tiefe zu verleihen, indem er Noahs Schlaganfall und Koma zeitlich exakt mit dem Attentat des 11. September 2001 zusammenfallen lässt. Während das Private in Griesemers Bestseller „Rausch“ aus dem Jahr 2003 überzeugend mit zeitgenössischen Hoffnungen und Ängsten verwoben wird, humpelt der leidende Noah in „Herzschlag“ lediglich ein paar Mal zu Ground Zero, und seine Lebensgefährtin Cecily stellt sich banale Fragen über Sinn und Unsinn der Kunst nach 09/11.

          An einem anderen Ort ein anderer sein

          World Trade Center hin oder her – die Kunst, die Griesemer vor allem in der zweiten Hälfte des Buchs an den Tag legt, entschädigt für manche Schwächen. Großartige Passagen gelingen ihm interessanterweise immer dann, wenn es am wenigsten um seine eigenen Erfahrungen zu gehen scheint. Zum Beispiel Noahs Tante Stephanie, die sich auf dem Weg zu einer illegalen Abtreibung nur an ihrem „Glücksbringer“ festhalten kann: „ein blasser, glücklich lächelnder Fuchs aus Kiefernholz. Stephanie hielt den etwa baseballgroßen Kopf auf dem ganzen Weg von New York in der Hand, rieb über die weichen Rillen, die Wilburs Messer ins Holz gekerbt hatte, und lauschte dem Klackern der Pillen. Als sie ihr Ziel erreichte, war der Fuchskopf glatt, und sie war zugedröhnt“. Das beeindruckt weit mehr als Noahs wenig erhellende Aphorismen über Sinn und Wesen der Schauspielerei, in denen er kaum mehr als das Sprachrohr seines Autors zu sein scheint.

          So wie er schon seine Kindheitstraumata oder auch die Schmach eines verpatzten Filmdebüts in dramatischen Monologen verarbeitet hatte, so mündet auch die Geschichte von Noahs Leben nach seinem Schlaganfall in eine Theateraufführung, die auf den letzten Seiten von „Herzschlag“ beschrieben wird. Besonders viel hat sich an seinem Leben folglich nicht geändert, und dieses Ende, wiewohl es sich aus den vorausgegangenen gut vierhundert Seiten schlüssig ergibt, ist fragwürdig. Was ist das für ein schauspielerischer Erfolg, der sich aus der Ausstellung persönlichen Schicksals speist, wie möglich ist Kunst, wenn sie dem autobiographischen Impuls allzu leicht nachgibt? Und wie gut kann dieser Roman sein, in dem Griesemer seine eigenen Theatererfahrungen weit weniger fiktional verbrämt als noch in „Rausch“, und dabei an keiner Stelle über die Risiken von Theater als Selbsttherapie des Schauspielers, des Romans als Selbstausdruck des Autors nachdenkt?

          Theater ist einzigartig. Aber genau deshalb können die Erfahrungsberichte Noahs, und mit ihm John Griesemers, kann die bloße Beschreibung einer Performance, die Verlagerung des Dramatischen ins Medium des Romans, nicht ohne Verluste ablaufen. Für diese Übertragungsschwierigkeit entwickelt „Herzschlag“ kein Bewusstsein. Die Antwort auf die Frage, was der Roman gegenüber dem Drama anders oder besser leisten könnte, bleibt Griesemer ebenfalls schuldig. Vielleicht darf man sich darüber ja an anderer Stelle Aufschluss erhoffen – aber vielleicht wäre es besser, wenn er sich in Zukunft wieder mehr auf eine andere Dimension des Theaters, und übrigens auch des Romans, besänne: zu anderer Zeit, an anderem Ort ein anderer als man selbst zu sein.

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