https://www.faz.net/-gr3-15bte

John Griesemer: Herzschlag : Ich spiele, also bin ich

  • -Aktualisiert am

Wie der Junge aus den Koma-Visionen des erwachsenen Noahs wirkt das Kind Noah eher passiv und beobachtend, und sein Weg vom bloßen Zuschauer hin zum Schauspieler will nicht recht überzeugen. Ähnlich schwach ist Griesemers Versuch, dieser wenig weltumfassenden Geschichte größere Tiefe zu verleihen, indem er Noahs Schlaganfall und Koma zeitlich exakt mit dem Attentat des 11. September 2001 zusammenfallen lässt. Während das Private in Griesemers Bestseller „Rausch“ aus dem Jahr 2003 überzeugend mit zeitgenössischen Hoffnungen und Ängsten verwoben wird, humpelt der leidende Noah in „Herzschlag“ lediglich ein paar Mal zu Ground Zero, und seine Lebensgefährtin Cecily stellt sich banale Fragen über Sinn und Unsinn der Kunst nach 09/11.

An einem anderen Ort ein anderer sein

World Trade Center hin oder her – die Kunst, die Griesemer vor allem in der zweiten Hälfte des Buchs an den Tag legt, entschädigt für manche Schwächen. Großartige Passagen gelingen ihm interessanterweise immer dann, wenn es am wenigsten um seine eigenen Erfahrungen zu gehen scheint. Zum Beispiel Noahs Tante Stephanie, die sich auf dem Weg zu einer illegalen Abtreibung nur an ihrem „Glücksbringer“ festhalten kann: „ein blasser, glücklich lächelnder Fuchs aus Kiefernholz. Stephanie hielt den etwa baseballgroßen Kopf auf dem ganzen Weg von New York in der Hand, rieb über die weichen Rillen, die Wilburs Messer ins Holz gekerbt hatte, und lauschte dem Klackern der Pillen. Als sie ihr Ziel erreichte, war der Fuchskopf glatt, und sie war zugedröhnt“. Das beeindruckt weit mehr als Noahs wenig erhellende Aphorismen über Sinn und Wesen der Schauspielerei, in denen er kaum mehr als das Sprachrohr seines Autors zu sein scheint.

So wie er schon seine Kindheitstraumata oder auch die Schmach eines verpatzten Filmdebüts in dramatischen Monologen verarbeitet hatte, so mündet auch die Geschichte von Noahs Leben nach seinem Schlaganfall in eine Theateraufführung, die auf den letzten Seiten von „Herzschlag“ beschrieben wird. Besonders viel hat sich an seinem Leben folglich nicht geändert, und dieses Ende, wiewohl es sich aus den vorausgegangenen gut vierhundert Seiten schlüssig ergibt, ist fragwürdig. Was ist das für ein schauspielerischer Erfolg, der sich aus der Ausstellung persönlichen Schicksals speist, wie möglich ist Kunst, wenn sie dem autobiographischen Impuls allzu leicht nachgibt? Und wie gut kann dieser Roman sein, in dem Griesemer seine eigenen Theatererfahrungen weit weniger fiktional verbrämt als noch in „Rausch“, und dabei an keiner Stelle über die Risiken von Theater als Selbsttherapie des Schauspielers, des Romans als Selbstausdruck des Autors nachdenkt?

Theater ist einzigartig. Aber genau deshalb können die Erfahrungsberichte Noahs, und mit ihm John Griesemers, kann die bloße Beschreibung einer Performance, die Verlagerung des Dramatischen ins Medium des Romans, nicht ohne Verluste ablaufen. Für diese Übertragungsschwierigkeit entwickelt „Herzschlag“ kein Bewusstsein. Die Antwort auf die Frage, was der Roman gegenüber dem Drama anders oder besser leisten könnte, bleibt Griesemer ebenfalls schuldig. Vielleicht darf man sich darüber ja an anderer Stelle Aufschluss erhoffen – aber vielleicht wäre es besser, wenn er sich in Zukunft wieder mehr auf eine andere Dimension des Theaters, und übrigens auch des Romans, besänne: zu anderer Zeit, an anderem Ort ein anderer als man selbst zu sein.

Weitere Themen

Topmeldungen

Merkel verteidigt Klimapaket : „Politik ist das, was möglich ist“

Nach der Koalitionseinigung auf eine Klimastrategie verteidigt Angela Merkel das Paket – und lobt ausdrücklich das Engagement Greta Thunbergs und der Klima-Aktivisten auf den Straßen. Umweltverbände und die Opposition zeigen sich hingegen enttäuscht.

Verfassungsschutz bei Youtube : Humor gegen Dschihadismus

Nordrhein-Westfalens Verfassungsschutz will den Salafismus dort bekämpfen, wo er bisher freie Hand hatte: in der Youtube-Welt der Jugend. Ein Satire- und ein Informationsformat klären über das Thema auf.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.