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John Glassco: Die verrückten Jahre : Über Literatur kann man auch im Bordell debattieren

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Bild: Verlag

Hemingway im Blut, Joyce im Magen und Gertrud Stein auf den Lippen: John Glassco hat ein Erinnerungsbuch an seine Erlebnisse im Paris der wilden dreissiger Jahre geschrieben. Der Schriftsteller Clemens Meyer könnte fast neidisch werden.

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          Und da kommt er tatsächlich zur Tür rein, der Meister. Fast hätte ich ihn nicht erkannt. Wir sitzen im „Coupole“ und trinken. „Ein stämmiger, mondgesichtiger Mann in ausgebeultem Tweedanzug und mit einer von einer goldenen Spange gehaltenen Krawatte, der lärmend hereinkam und unseren Tisch mit einem lauten ,Na Bob, wieder bei deiner alten Masche?‘ begrüßte.“ „Ist bloß Hemingway“, sagte Bob laut zu uns. „Nehmt keine Notiz von ihm, dann verschwindet er vielleicht.“

          Hemingway grinste schief, dann setzte er sich an den Nebentisch. Er sah besser aus als auf den Fotos, aber seine Augen waren eigentümlich klein, clever und wachsam, wie bei einem Politiker. Ich fand ihn fast so unattraktiv wie seine Erzählungen – diese Studien in schmallippiger Emotionalität und vulkanischer Sentimentalität, die mit ihren absurden Plots und Dialogen an einen schlaffen Prometheus erinnern, der sich selbst gefesselt hat . . .

          Hemingway hatte Mundgeruch

          Ja, verdammt, wie kann das sein, das grenzt an Vatermord, da verrate ich plötzlich eines meiner großen Vorbilder, das mich durch meine Jugend geführt hat, da falle ich raus aus der ganzen schnapstriefenden Szenerie, da dreht’s mir im Kopf vom vielen Whisky-Soda mit Pernod. Da renne ich, erschrocken über solch ein harsches Urteil im Angesicht dieser Legende – „und blies seinen Bieratem über den Tisch ,Platz für mich Jungs?‘“. Raus, Frischluft. „Die Nacht war wie Samt, der Frühlingshimmel sternenübersät, die Luft weich und feucht und erfüllt vom erregenden Geruch der wassergesprenkelten Straßen.“

          Und mit diesem Bild und diesem Duft verlasse ich Paris, kehre zurück nach Leipzig-Anger-Crottendorf, wo nur mein Pernod ein wenig nach Paris riecht, notiere: „Hemingway erscheint auf Seite 84.“ Aber leider verschwindet er sehr schnell und taucht nur noch sporadisch wieder auf.

          Alle warten auf James Joyce

          John Glassco, „Die verrückten Jahre – Abenteuer eines jungen Mannes in Paris“. Hemingway geht, auf Joyce wird ewig gewartet wie auf Godot, Dunja Barnes im Herrenanzug, Andre Breton schwingt große Reden, Lesben werden verführt, Luxemburg bereist, auf dem Bidet gefrühstückt. Es zieht einen hinein in dieses Buch über das Paris von 1928/29. „Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir. Wohin du auch gehen magst, denn Paris ist ein Fest fürs Leben“ – aber das war schon wieder Hemingway, der doch nicht ganz gehen will und kann. Unbezahlte Rechnungen im Coupole, im Dome oder im Dingo? Und geistert er nicht auch durch diesen oben zitierten Glassco-Satz „Die Nacht war wie Samt . . .“? Die eleganten „und’s“, die Farben und Gerüche, die unter und zwischen den Worten hervordringen (und ich meine hier vor allem den späten Hemingway mit seinem Alters- und Erinnerungswerk „Paris – Ein Fest fürs Leben“) . . . „Die ganze Traurigkeit der Stadt war plötzlich mit dem ersten kalten Winterregen da, und beim Gehen sah man nicht mehr die Dächer der hohen weißen Häuser, sondern nur die nasse Schwärze der Straße und die geschlossenen Türen der kleinen Läden.“ John Glassco oder doch E. H.?

          Aber ich will über John Glassco und „Die verrückten Jahre“ schreiben, und überhaupt hat er seiner Prosa einen großen Schuss Fitzgerald mit dessen elegischer und doch jugendlicher Romantik beigemixt. Aber auch das trifft’s nicht, was nützt die Mischung ohne den eigenen Schuss, Glassco ist Glassco ist Glassco, Rosen für diesen neunzehnjährigen Kavalier, der als Dandy und Dichter Stadt und Zeit für uns bereist. Und vor allem die Bars. „Bald waren wir Stammgast in der Falstaff Bar in der Rue de Montparnasse . . . Das Falstaff war im Großen und Ganzen besser als das Dome, wo es oft zu laut war, besser als das Dingo und das Strix . . . besser als das College Inn, das von Jed Kiley geführt wurde und mit einem echten Indianer hinter dem Bartresen aufwarten konnte . . .“

          Der Schriftsteller im Selbstgespräch

          Das ist ungerecht, der gute John Glassco ist 1981 mit 72 Jahren in Montreal gestorben, wo er auch geboren ist, und Tote können sich nicht wehren, wenn man sie als Barführer und Hemingwayimitatoren deklariert!

          Aber Moment, mein Lieber, das will ich doch nicht, ich bin doch gerade dabei zu erzählen, was ihn so einmalig macht, zumindest dieses Buch, jetzt stell einfach die Pernod-Buddel weg und hör zu!

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