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John Cheever: Der Schwimmer : Wo Hitchcock und Highsmith auf der Lauer liegen

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Bild: Verlag

Carver? Hemingway? Cheever! Der große amerikanische Autor ist in Deutschland noch immer zu entdecken. Jetzt sind seine gesammelten Geschichten erschienen - und es gibt keine Entschuldigung mehr, Cheever nicht endlich zu lesen.

          Es gibt Carver. Es gibt Hemingway. Und es gibt John Cheever. Dass dessen Erzählungen in Deutschland noch immer nicht den verdienten Ruhm genießen, ist schwer zu verstehen; dem Versuch des DuMont-Verlags, sie unter die Leser zu bringen, kann man nur Erfolg wünschen.

          Nach den beiden „Wapshot“-Romanen liegt nun in der exzellenten Neuübersetzung von Thomas Gunkel endlich der Band vor, der Cheevers eigentliches Hauptwerk umfasst, nämlich dessen eigene und definitive Auswahl seiner Short Stories. Sie „klassisch“ zu nennen wäre eine feierliche Banalität, immerhin gehören sie zum Kernbestand dieses amerikanischen Genres in seiner Blütezeit, von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis eben zu Cheevers letzter Auswahl, erschienen vier Jahre vor seinem Tod 1982. Siebenundzwanzig Geschichten enthält dieser stattliche Band; die erste stammt von 1946, die letzte von 1978. Viele davon erschienen zuerst im „New Yorker“, und fast alle besitzen sie genau die Mischung von urbaner Eleganz, Ironie und pointierter Erzählweise, die man folglich erwarten darf.

          Nuanciertes Schwarzweiß

          Es sind lauter Short Cuts aus dem Leben der Vorstädte jener weißen Mittelschicht der vierziger, fünfziger und frühen sechziger Jahre, die sich in unserer Erinnerung unfehlbar mit Kinobildern verbinden: Kurzfilme in einem Schwarzweiß, das unendliche Nuancierungen erlaubt. Irgendwo zwischen Manhattan und Philadelphia, Long Island und Nantucket liegen diese Schauplätze, „in einem jungen, blühenden Land“. Kulturhistoriker könnten aus diesen Stories ziemlich vollständig die Lebenswelt einer sozialen Schicht und einer sehr genau umrissenen Epoche rekonstruieren. Und doch kann einem gegenwärtigen Leser diese gebildete Ostküsten-Mittelklasse gespenstisch bekannt vorkommen. Über einen dieser Alltagshelden bemerkt der Erzähler: „Wie wir alle zog er sich an.“ Es ist beunruhigend, wie wenig historische Patina dieses „Wir“ angesetzt hat. Die suburb, in der die meisten Geschichten sich zutragen, heißt „Shady Hill“, und der Name verheißt nichts Gutes. Man liest sie wie Berichte aus dem Alltag, und hinter jeder Wegbiegung lauern Hitchcock und Highsmith.

          Cheever ist genau das, was man in seiner Glanzzeit einen „männlichen“ Erzähler genannt und mit einem Leitbild des Amerikanischen beinahe schon gleichgesetzt hätte: Mit knappen, entschiedenen Strichen entwirft er Charaktere und Situationen; was er zu sagen hat, entwickelt sich aus der Handlung und nicht aus rhetorischen Finessen oder theoretischer Reflexion. Und so energisch sein Duktus, so entschieden männlich sind auch seine Helden, weniger ihre scheinbar so festen Lebensanschauungen und Wertvorstellungen als vielmehr die Energie, mit der sie diese Festigkeit vor anderen und vor sich selbst behaupten. Denn bei näherem Hinsehen bleibt in diesem Gefüge kein Stein auf dem anderen; die feste Burg erweist sich als Schutzwall, der den Blick in die Wahrheit der eigenen Existenz versperren soll.

          Moralische Grundfesten? Verschwunden!

          Worte wie Existenz und Verlorenheit allerdings würden diesen existentialistischen Helden nie in den Sinn, geschweige denn über die Lippen kommen; ebendies gehört zu ihren Existenzbedingungen. Vorübergehend nur, und darum umso beängstigender, kommt ihnen die Frage in den Sinn, „wie rätselhaft die Welt einem Menschen erscheinen muss, der von einem Schiff stürzt“. Diese Geschichten erzählen vom lautlosen Verschwinden dessen, was einer der Erzähler „die moralischen Grundfesten“ nennt, von der Auflösung eines Wesens, das sich daran gewöhnt hat, zu sich selbst „Ich“ zu sagen – und davon, dass das Leben weitergeht. Aber dieser banale Satz ist nicht nur ihr optimistisches Glaubensbekenntnis, sondern erweist sich zugleich als schauerlichster Ausdruck ihrer Strafe.

          Hier werden nachts die Nachbarn zu Gespenstern, zu Einbrechern bei ihren besten Freunden oder Kollegen, und niemandem ist mehr zu trauen, am wenigsten den so männlich-verlässlichen Erzählern selbst. Ohne Umwege wenden sie sich an die Leser, stellen sich mit Namen und Herkunft vor, vertrauenerweckend und resolut, und dann sagen sie so sonderbare Sätze wie: „Ich bin im Moment sozusagen nackt und rede im Dunkeln vor mich hin.“ Gerade weil die Geschlechterrollen hier außer Frage zu stehen scheinen, wird die Begegnung mit den homosexuellen Mietern im vierten Stock zur Katastrophe für den glücklich verheirateten Fahrstuhlführer, dem sich das vertraute Apartmenthaus nun grässlich zum „Turm zu Babel“ verzerrt: „Sie hatten ihr Recht auf Gnade eingebüßt.“

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