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John Burnside: Lügen über meinen Vater : Etwas Neues, das immer schon da war

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Bild: Verlag

Der Schotte John Burnside ist einer der größten Schriftsteller, und das Erinnerungsbuch „Lügen über meinen Vater“ sein vielleicht stärkstes Werk.

          Wie sich schreibend einem Autor wie John Burnside nähern? Wie sich über einen Schriftsteller äußern, dessen Werk einem so eindrucksvoll, so gewaltig erscheint, dass man lieber nichts sagen würde, lieber bloß jedem Menschen, dem man auf der Straße begegnet, seine Bücher in die Hand drücken und ihn zwingen würde, nach Hause zu laufen und das Haus nicht zu verlassen, ehe er nicht die letzte Zeile gelesen hat? Vielleicht muss man mit einem Hinweis beginnen. Die schottische Schriftstellerin A. L. Kennedy wird vom Knaus Verlag mit dem lapidaren Satz zitiert: „John Burnside ist ein bemerkenswerter Autor.“ Das ist möglicherweise das, was man britisches Understatement nennt, denn ihr 1955 geborener Landsmann ist einer der ungeheuerlichsten Schriftsteller der Welt.

          In Deutschland wurde John Burnside mit „Die Spur des Teufels“ sowie vor allem mit „Glister“ bekannt, Romanen über Angst und Einsamkeit, über die Suche nach Gott in der Welt, doch vor allem in uns selbst, Büchern von hypnotischer Wucht und einer stilistischen Brillanz, die bei wenigen zeitgenössischen Autoren zu finden ist. Mit „Glister“ gelang ihm sogar das Kunststück, in gewisser Weise zwei Handlungen zur gleichen Zeit stattfinden zu lassen, indem er uns auf einer Ebene des Textes den Mann, der Jungen aus dem verrotteten Dorf, in dem der Erzähler Leonard lebt, auf bestialische Weise tötet, als ein der übelsten Dunkelheit entstiegenes Monster lesen lässt, auf der anderen als Engel, der sie als Erlöser aus der Hölle ans Licht führt.

          Das Gefühl des Ausgeliefertseins

          Nun erscheint sein im englischen Original 2006 veröffentlichtes Erinnerungsbuch „Lügen über meinen Vater“ auf Deutsch. Der erste Absatz lautet: „Dieses Buch liest man am besten als ein Werk der Fiktion. Wäre mein Vater hier, um mit mir darüber zu reden, gäbe er mir bestimmt recht, wenn ich sagte, es sei ebenso wahr zu behaupten, dass ich nie einen Vater, wie dass er nie einen Sohn hatte.“ Damit ist vieles von diesem erdrückenden, erschütternden Buch über eine Kindheit und Jugend, die nie aufhört, ins spätere Leben fortzuwirken, gesagt.

          Vordergründig geht es um das Aufwachsen des Erzählers, um seine Familie, um seinen Vater, den Alkoholiker und Gewaltmenschen, und um seine Mutter, die diesem nicht gewachsen ist und den Jungen während der nächtlichen Zornesausbrüche ihres Mannes drängt, aus dem Fenster zu springen und in der Nacht zu verschwinden, bis der Anfall vorüber ist. Es geht auch um seine Schwester Margaret und seinen Bruder Andrew, der bei der Geburt stirbt: „Ich bekam ihn nie zu sehen, doch hatte ich nun einen weiteren Geist, um den ich mich kümmern musste.“ Gesichtslose Onkel, Tanten, Bekannte, Saufkumpane des Vaters, Mitschüler, Lehrer und Freunde ziehen am Leser vorüber, doch auf jeder Seite wird vor allem von jenem Duell berichtet, das dieser Sohn mit seinem Vater ausfechten muss, das er annimmt, auf das er aber gern verzichtet hätte.

          John Burnside erzählt von seiner Jugend in Schottland und England, von seinem Aufwachsen in strukturschwachen Ortschaften, in denen sich der Gelegenheitsjobs ausübende Vater je nach Laune und Trunkenheitsgrad immer wieder neue Geschichten über seine Herkunft ausdenkt, in denen er aber auch neue Grausamkeiten ersinnt, mit denen er den Sohn auf manchmal subtile, manchmal offenherzig brutale Weise quält, ob er nun ausspricht, was er fühlt, dass nämlich John derjenige hätte gewesen sein sollen, der bei der Geburt starb, oder ob er ihm schlicht den Teddy verbrennt: Das Gefühl des Ausgeliefertseins erschüttert den Leser auf jeder Seite. Dabei wird Burnside niemals sentimental, niemals larmoyant, er erzählt in luzider, kristallener Sprache von seinem eigenen Untergang ins Dunkle hinein, von seinem Weg in den Alkoholismus, in die Drogen, ins Verschwinden und Vergessen. Er erzählt von einem Leben, in dem der Vater immer präsent sein wird, in dem der Schatten jenes Mannes, den er hasst und liebt, immer über ihm sein wird: „Ich kann nicht über ihn reden, ohne über mich selbst zu reden, so wie ich nie in den Spiegel sehen kann, ohne sein Gesicht zu sehen.“

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