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John Banvilles neuer Roman : Tänzelnder Faun im letzten Licht des Tages

Ausschnitt aus dem Einband Bild: Verlag

John Banvilles neuer Roman erzählt von einer alten Liebe, dem Verlust der Unschuld und steckt voller Anspielungen auf frühere Werke des irischen Romanciers.

          John Banville ist ein bescheidener Mann. All seine Bücher, so hat er vor einigen Jahren bekannt, seien ihm peinlich, ein steter Quell der Scham. Aber erst der dann folgende Satz ließ erkennen, von welcher Art die Bescheidenheit des John Banville ist: „Sie sind natürlich besser als die Bücher eines jeden anderen, aber sie sind nicht gut genug für mich.“

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Banville liebt mehrdeutige Bekenntnisse, vermutlich, weil ihm die Wahrheit, wenn es sie denn gäbe, als reichlich langweilige Sache erschiene. Auch sein jüngster, sein sechzehnter Roman ist auf den ersten Blick ein solches Bekenntnis: Alex Cleave, ein Schauspieler um die sechzig auf dem Weg in den Ruhestand, erinnert sich an die Affäre, die er als Fünfzehnjähriger mit der Mutter seines besten Freundes hatte. Als die Sache auffliegt, wir befinden in uns in einem Dorf im katholischen Teil Irlands in den späten fünfziger oder frühen sechziger Jahren, ist der Skandal groß, und die Freundschaft mit Billy findet ein jähes, schuldbeladenes Ende.

          An die Ekelgrenze herangetänzelt

          Cleave bettet die bis in die zarteste, aber leider mitunter auch intimste Hautfalte von Celia Gray mehr detailversessen als liebevoll ausgeleuchtete Schilderung seiner Initiation in eine Rahmenhandlung mit doppeltem Boden: Während der Niederschrift seiner amourösen Erinnerungen, von denen er sich bereits auf der ersten Seite des Buchs fragt, ob es sich nicht zur Hälfte um reine Erfindungen handelt, erhält der Schauspieler völlig überraschend einen Anruf aus Hollywood und das erste große Filmangebot seiner Karriere. Cleave soll die Hauptrolle in der Verfilmung der Biographie des Literaturkritikers Axel Vander übernehmen. Der Film, in dem die berühmte Filmschönheit Dawn Devonport Vanders junge Geliebte spielt, trägt den beziehungsreichen Titel „Die Erfindung der Vergangenheit“.

          Auf gewisse Weise ist Banville ein altmodischer Schriftsteller. Er liebt prunkvolle Adjektive, schwelgt in wundervollen Bildern, die er mitunter bricht, um plötzlich wie vom Hafer gestochen an die Ekelgrenze heranzutänzeln wie ein böser, alter Faun. Er inszeniert seinen Erzähler als unzuverlässigen Gesellen, dem nicht zu trauen ist, und stattet ihn gleichzeitig mit höchsten auktorialen Vollmachten aus. Und wie sein britischer Kollege Ian McEwan findet Banville zunehmend Gefallen an intertextuellen Volten, die vor allem ins eigene Werk zurückführen.

          Reizvolle intertextuelle Spielchen

          Denn mit seinem jüngsten Roman, dessen deutscher Titel „Im Lichte der Vergangenheit“ leider nicht so vieldeutig ist wie das englische Original „Ancient Light“, knüpft Banville an zwei seiner früheren Bücher an. Der Schauspieler Alex Cleave war bereits die Hauptfigur in „Sonnenfinsternis“ (2002), und Axel Vander ist die Paul de Man und Louis Althusser nachempfundene Titelfigur von „Caliban“, Banvilles Roman aus dem Jahr 2004, in dem Cass Cleave herausfindet, dass Vander ein Doppelleben führt: Er hat die Identität eines anderen angenommen. Cass, die an einer Art Schizophrenie leidet, ist die Tochter von Alex, dem Schauspieler, der von Berufs wegen in andere Identitäten schlüpft und nicht ohne Grund den sprechenden Nachnamen Cleave trägt. Cleaved heißt im Englischen so viel wie gespalten. Doch damit nicht genug: Alex ist das Anagramm von Axel, und der Autor von Vanders Biographie, die Alex nun liest, trägt die Initialen ihres gemeinsamen Erfinders: JB, John Banville.

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