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Johannes Jensens Erzählungen : Die Sturheit des Himmerlandsvolks

  • -Aktualisiert am

Küche im Freilichtmuseum Jütland: Jensen hat den Bewohnern seiner Heimat einmal als herausragenden Charakterzug eine „nutzlose Sturheit“ attestiert. Bild: Picture-Alliance

Kann man der bäuerlichen Welt entkommen? Johannes Vilhelm Jensen erzählt grausame und barmherzige Geschichten aus Nordjütland, ohne dabei in Folklore abzudriften.

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          Ein vergessener Autor ist Johannes Vilhelm Jensen, Literaturnobelpreisträger 1944, in seinem Heimatland Dänemark nicht. Allerdings ist anzunehmen, dass er außerhalb Dänemarks kaum gelesen wird, was vor allem daran liegt, dass es nur wenige neuere Übersetzungen seines umfangreichen Werkes gibt. Der Guggolz Verlag hat dankenswerterweise vor drei Jahren damit begonnen, für den deutschen Sprachraum etwas daran zu ändern. 2017 erschien „Himmerlandsvolk“, eine Sammlung von zwölf Erzählungen, in der Übersetzung von Ulrich Sonnenberg, dem nun die „Himmerlandsgeschichten“ folgen. Die deutsche Ausgabe ist keine willkürliche Auswahl, sondern folgt in der Zusammenstellung streng dem dänischen Original.

          Jensen war 25 Jahre alt, als „Himmerlandsvolk“ erschien, und 31, als 1904 die „Himmerlandsgeschichten“ folgten. Aufgewachsen als Sohn eines Tierarztes in jenem Himmerland, in dem die Erzählungen angesiedelt sind, studierte er Medizin, übte aber den Beruf des Arztes nie aus, kam als Journalist weit herum und fand dann den Weg zur Literatur. Daraus ergibt sich bereits, dass er alles andere als ein Heimatdichter war. Sein Blick auf die eigene bäuerliche Herkunftsregion ist nicht verklärend, sondern geschärft durch sein Gespür für Klassen- und Besitzverhältnisse und benennt in einer der Erzählungen die Grundregel, „dass alle sich gleichermaßen niederträchtig zu verhalten haben“.

          Das Himmerland ist eine historische Region im nördlichen Jütland. Die bei weitem größte Stadt ist Aalborg, danach gibt es nur noch Kleinstädte, Dörfer und viel Land. Jensen hat den Bewohnern seiner Heimat einmal als herausragenden Charakterzug eine „nutzlose Sturheit“ attestiert. Von solchen Charakterzügen lässt sich trefflich erzählen, und genau das geschieht in den „Himmerlandsgeschichten“, jedoch so, dass die Erzählungen nie zur wohlfeilen Folklore gerinnen. Dazu ist das, was erzählt wird, in der Mehrzahl der Fälle zu wuchtig.

          Stille Vergewaltigung

          Es beginnt gleich mit einer im Zeitalter von MeToo höchst problematischen Geschichte, betitelt „Der stille Mogens“, und erzählt von Schmiede-Kirsten, die man schon aus dem vorhergehenden Band kennt. Mogens ist so still und schüchtern, dass er wenig mehr als ja oder nein sagen kann. Schon gar nicht sagen kann er, was oder wen er will, in diesem Fall Martine.

          Stattdessen verfolgt er das Mädchen: „Sie kämpften miteinander auf Leben und Tod, und es wurden noch mehr Stellen gefunden, an denen die Erde zerwühlt war. Martine war ein starkes und kräftiges Mädchen, aber hier konnte sie nicht bestehen ...“ Die drei Punkte stehen natürlich für das, was folgt, nämlich eine veritable Vergewaltigung. Am nächsten Tag brennt der Hof von Martines Eltern, alle sind gerettet, nur Martine wird vermisst. Man findet heraus, dass sie im Keller sitzt, zu dem nur schwer Zugang zu finden ist, einer nach dem anderen der jungen Männer arbeitet sich zu ihr vor, aber sie will nicht gerettet werden, bis der stille Mogens kommt (der das Feuer auch gelegt hatte). Von ihm lässt sie sich retten. Es versteht sich, dass die beiden heiraten und vierzig Jahre lang zusammenleben.

          Was aber in der Nacherzählung wie ein kaum erträgliches und zudem vorhersehbares Kunstmärchen klingt, liest sich so, wie Jensen es erzählt, vollkommen schlüssig. Das liegt in dieser wie in den anderen Geschichten des Bandes an den erzählerischen Kunstgriffen, die Jensen souverän anwendet. Dass die Geschichte von einer alten Frau erzählt wird, lange nachdem sie passiert ist, schafft Distanz und verhindert das Melodram. Zudem vernimmt man in allen Erzählungen auch die Stimme eines zurückhaltenden, aber hörbaren auktorialen Erzählers, der das Erzählte unaufdringlich einordnet.

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