https://www.faz.net/-gr3-9lkn1

Johan Harstads Meta-Memoir : Der Dschungel der Erinnerung ist leider nicht chronologisch geordnet

  • -Aktualisiert am

„We were in the jungle. There were too many of us.“ Bild: Picture-Alliance

Die jüngste Great American Novel stammt von einem Norweger: Johan Harstads „Max, Mischa und die Tet- Offensive“ ist ein gewitztes Epos unbehauster Menschen.

          5 Min.

          Manchmal braucht man 1239 Seiten, um endlich die entscheidende Frage zu stellen: „Kann ich vorbeikommen?“ Das ehemalige Liebespaar, zwischen dem sie steht, hat zu diesem Zeitpunkt schon eine sehr weite Strecke zurückgelegt, sowohl geographisch als auch in Beziehungsdingen. Max, ein norwegischer Regisseur und Dramatiker, der als Jugendlicher nach Amerika kam und seither unter Heimatlosigkeit leidet, liebt Mischa, eine kanadische Künstlerin, die ein paar Jahre älter ist als er. In New York hatten sie einmal eine gute Zeit, aber die liegt lang zurück, als die entscheidende Frage gestellt wird.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Ist es legitim, den Leser einer solchen Liebesgeschichte so lange auf die Folter zu spannen, weit über tausend Seiten hinaus? Vielleicht ja, aber natürlich geht es in diesem Roman auch noch um anderes. „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ heißt er etwas kryptisch, doch es könnte einem auch Bill Brysons Sachbuchtitel „A Short History of Nearly Everything“ dazu einfallen – nur dass diese Geschichte eben nicht ganz kurz ist.

          Vietnam-Obsession

          Die Tet-Offensive, also jene mehrmonatige des Vietcong gegen Südvietnamesen und Amerikaner im Jahr 1968, die mit deren Gegenaktionen den Vietnam-Krieg unfassbar grausam und verheerend werden ließ, hat im Buch eine vielfältige Funktion. Zum einen taucht sie als historisches Ereignis auf, das mittelbar auch das Leben des Protagonisten Max prägt: weil sein Onkel Ove tatsächlich auf Seiten der Amerikaner in Vietnam gekämpft hat, Vietnam-Erzählungen also zur Familiengeschichte gehören.

          Zum anderen ist sie eine Chiffre, weil Max und auch Mischa in ihrer künstlerischen Reflexion, also im Bild und auf der Bühne, sich auf den Vietnam-Krieg und seine Folgen beziehen, bis hin zur Grundauseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus, die, wenn auch in sehr anderer Form als in den siebziger Jahren, noch ihre Realität prägt – bei Max vor allem bedingt durch den Umzug von Norwegen nach New Jersey, die den Sohn ehemaliger Marxisten mitten in die amerikanische Jugendkultur der frühen neunziger Jahre katapultiert.

          Johan Harstad: „Max, Mischa und die Tet-Offensive“. Roman. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. Rowohlt Verlag, Reinbek 2019.
          Johan Harstad: „Max, Mischa und die Tet-Offensive“. Roman. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. Rowohlt Verlag, Reinbek 2019. : Bild: Rowohlt Verlag

          Max hat eine regelrechte Vietnam-Obsession. Als Kind, noch in Norwegen, hat er im Wald bei Stavanger mit seinen Freunden Gefechte nachgestellt und sich dabei schwer verletzt; als Erwachsener möchte er von Onkel Ove, der sich inzwischen Owen nennt, hören, wie es wirklich war. „Warst du in the shit?“, fragt Max ihn, und der antwortet: „Nicht so richtig.“

          Von Owens Vietnam-Trauma, von seinem verbogenen Weg, der ihn als Jazzmusiker in die Vereinigten Staaten führte und dann zum Soldaten werden ließ, wird der Leser indes noch viel erfahren, vielleicht sogar zu viel: mehrere hundert Seiten sind auch diesem Owen Larsen gewidmet. Johan Harstad pflegt einen digressiven Stil, der ihn mühelos auch mal eine Seite lang Titel von Musikalben aufzählen lässt, die bei einer Plattenfirma erschienen sind, für die Owen in den achtziger Jahren Klavieraufnahmen macht.

          Als wäre er noch einmal heimatlos geworden

          Den roten Faden des Romans kann man bei solchen Erzählexzessen schon einmal verlieren; wieder aufgenommen wird er aber etwa durch gewisse Leitbilder und Metaphern. So spielt etwa Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now“ eine zentrale Rolle für das Buch, er taucht immer wieder in Gesprächen auf, die Max mit seinen Freunden oder anderen Künstlern führt, und zwar sowohl in seiner Thematik als auch in seiner berüchtigt gewordenen Produktionsgeschichte.

          Ein Zitat des Regisseurs Coppola, das diesem Roman als Motto vorangestellt ist, lautet: „We were in the jungle. There were too many of us. We had access to too much money, too much equipment, and little by little, we went insane.“ Es ist naheliegend, diese Diagnose auch auf Harstads Roman zu übertragen: „Apocalypse Now“ wird damit auch zur Allegorie für das Buch selbst, das ja ebenfalls ein überambitioniertes Großprojekt darstellt und vom Scheitern bedroht ist – hier vor allem bei der Bewältigung einer Familiengeschichte, die eingebettet ist in mehr als fünfzig Jahre Zeitgeschichte.

          Der Dschungel der Erinnerung ist leider meist nicht chronologisch geordnet. So beginnt die Erzählung im Herbst 2012, als Max sich auf einer Theaterreise durch amerikanische Städte befindet, springt dann bald in die neunziger, bald in die siebziger Jahre, ist mal am Küchentisch der strickenden Mutter in Norwegen, die nach fünf Jahren „Selbstproletarisierung“ genug von ihren verbohrten Genossen hat, ist dann mit Max im amerikanischen Sommer von 1993, wo er „No Rain“ von Blind Melon hört und seinen Lebensfreund Mordecai findet, der Schauspieler wird und sich am Ende umbringt, ist dabei, wie Max als Siebzehnjähriger mit dem Fahrrad nach New York fährt, um dort vor Mischas Haus zu stehen, die erst noch nicht recht weiß, was sie mit dem Schuljungen anfangen soll, und sich dann auch in ihn verliebt, springt in die „imperialistischen Tagebücher“ des Onkels Ove von 1966 bis 1970, ist dann wieder in New York nach dem 11. September 2001, als Owen Leichenteile am Ground Zero aufsammelt und Max seine Identität aufs Neue in Frage gestellt sieht: „Es war, als wäre ich noch einmal heimatlos geworden.“

          Kein Trockenfisch und kein Fischpudding

          Der vorher schon voll Integrierte ist plötzlich doch wieder Außenseiter. Das „wachsende Gefühl von Patriotismus für das Land, das jetzt einem verschreckten und untröstlichen Kind ähnelte, wurde von dem Empfinden überschattet, keinen Besitzanspruch auf diese Tragödie zu haben. Ich war kein New Yorker, ich war nicht mal Amerikaner, ich wohnte einfach nur hier und hatte mich schon oft weggewünscht.“

          Die Heimatgefühle von Max und Familie werden fortan insbesondere am 17. Mai aufgerührt, dem Verfassungstag Norwegens, der auch in Amerika mit Paraden begangen wird. So etwa auf der achten Avenue in Brooklyn, die den Spitznamen „Lapskaus Boulevard“ trägt. Aber wie es den zwischen den Stühlen sitzenden Exilanten eben oft so geht, fühlen sie sich „neither here nor there“, da helfen auch keine Konzerte mit singender Säge, Weidenflöte und Bukkehorn, kein Trockenfisch und kein Fischpudding. Helfen kann da eigentlich nur Humor, und den bringt immerhin der Erzähler auf: „Owen und ich verließen still und leise die langen Tische und Feierlichkeiten, als die traditionelle Kür der Miss Norway of Greater New York begann, registrierten allerdings noch, dass die Zahl der geeigneten Kandidatinnen seit der Glanzzeit in den 1950er Jahren dramatisch gefallen sein musste.“

          Fortwährende Auseinandersetzung mit der Kulturgeschichte

          Ein weiterer Heimatverlust droht Max schließlich noch, als der Hurrikan Sandy sein Elternhaus vor Long Island vertilgt. Damit ist das Buch dann am aktuellsten Punkt der amerikanischen Zeitgeschichte angekommen. Ästhetisch bedeutender für den Roman als solche historischen Orientierungspunkte ist indes seine fortwährende Auseinandersetzung mit der Kulturgeschichte: Er erfüllt geradezu mustergültig die archivalische Gestalt von Popliteratur, indem er die Lebensläufe seiner Figuren nicht nur in existierenden Musikstücken, Fotos und Filmen spiegelt, sondern auch in fiktiven Kunstwerken, die seine Figuren selbst hervorbringen. Sowohl Max als auch Mischa kann man am Ende je einen ganzen Werkkatalog zuordnen, in dem beispielsweise das Bild „Vietnamization (Colby)“ oder das Theaterstück „Bob Ross Paints a Pretty Clear Picture“ auftauchen.

          Teils bleibt es bei der spielerischen Nennung solcher Titel, zu denen der Leser sich alles andere ausdenken muss, teils wird aber auch Genaueres über die Werke gesagt. So stellt sich langsam heraus, dass Max, durch die Schule Samuel Becketts gegangen, sich in seinem Theater besonders mit der Ästhetik des Ausharrens beschäftigt, etwa in einem Improvisations-Stück des Titels „Better Worlds through Weyland-Yutani“, das bei jeder Aufführung länger wird, „mit immer längeren Abschweifungen, bis sich die Zuschauer am Ende geschlagen geben“.

          Johan Harstad, der 1979 in Stavanger geboren wurde, zuvor Erzählungen, Theaterstücke und einen kürzeren Roman veröffentlicht hat und gewisse Ähnlichkeit mit seinem Erzähler Max aufweist, versucht sich mit diesem Werk an einer „Great American Novel“, die als gelungen gelten kann. In der Auseinandersetzung mit den autobiographisch geprägten Kunstwerken beziehungsweise Inszenierungen seiner Figuren schafft er aber noch mehr: Er erzeugt hier so etwas wie ein Meta-Memoir, was insbesondere angesichts der jüngsten norwegischen Literaturgeschichte interessant ist. Womöglich ist der Überdruss, den Max am zeitgenössischen Theater empfindet, ein Spiegelbild für Harstads Überdruss am Memoir-Kult, den er in seinem Buch teilweise sarkastisch und unterhaltsam aufspießt.

          Weitere Themen

          Ein Kind im Winter

          Roman von Norbert Gstrein : Ein Kind im Winter

          Mit „Der zweite Jakob“, seinem fulminanten Roman über einen Mann auf der Flucht vor der eigenen Lebensgeschichte, zählt Norbert Gstrein zu den Favoriten für den deutschen Buchpreis.

          Die Wolfsträume der Rehe

          Neuer Roman von Thomas Kunst : Die Wolfsträume der Rehe

          Rotierendes, evolvierendes, lyrisch-litaneihaftes Erzählen zwischen Groteske, Elegie und postmodern umgebogenem Abenteuer-Stil: Thomas Kunst inszeniert in „Zandschower Klinken“ die Heimkehr eines Verlorenen als Triumph.

          Topmeldungen

          Innen nur 2-G: Und trotzdem bleibt, auch in diesem Braunschweiger Gasthaus, die Ansteckungsgefahr relativ groß.

          Vorschlag von Forschern : Acht Parameter gegen Corona

          Trotz 2-G-Regeln bleibt die Gefahr für eine Corona-Ansteckung in Innenräumen groß. Wissenschaftler um den Virologen Hendrik Streeck haben eine Checkliste entworfen, wie sich die Gefahr etwa in Restaurants verringern lässt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.