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Johan Harstads Meta-Memoir : Der Dschungel der Erinnerung ist leider nicht chronologisch geordnet

  • -Aktualisiert am

„We were in the jungle. There were too many of us.“ Bild: Picture-Alliance

Die jüngste Great American Novel stammt von einem Norweger: Johan Harstads „Max, Mischa und die Tet- Offensive“ ist ein gewitztes Epos unbehauster Menschen.

          Manchmal braucht man 1239 Seiten, um endlich die entscheidende Frage zu stellen: „Kann ich vorbeikommen?“ Das ehemalige Liebespaar, zwischen dem sie steht, hat zu diesem Zeitpunkt schon eine sehr weite Strecke zurückgelegt, sowohl geographisch als auch in Beziehungsdingen. Max, ein norwegischer Regisseur und Dramatiker, der als Jugendlicher nach Amerika kam und seither unter Heimatlosigkeit leidet, liebt Mischa, eine kanadische Künstlerin, die ein paar Jahre älter ist als er. In New York hatten sie einmal eine gute Zeit, aber die liegt lang zurück, als die entscheidende Frage gestellt wird.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Ist es legitim, den Leser einer solchen Liebesgeschichte so lange auf die Folter zu spannen, weit über tausend Seiten hinaus? Vielleicht ja, aber natürlich geht es in diesem Roman auch noch um anderes. „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ heißt er etwas kryptisch, doch es könnte einem auch Bill Brysons Sachbuchtitel „A Short History of Nearly Everything“ dazu einfallen – nur dass diese Geschichte eben nicht ganz kurz ist.

          Vietnam-Obsession

          Die Tet-Offensive, also jene mehrmonatige des Vietcong gegen Südvietnamesen und Amerikaner im Jahr 1968, die mit deren Gegenaktionen den Vietnam-Krieg unfassbar grausam und verheerend werden ließ, hat im Buch eine vielfältige Funktion. Zum einen taucht sie als historisches Ereignis auf, das mittelbar auch das Leben des Protagonisten Max prägt: weil sein Onkel Ove tatsächlich auf Seiten der Amerikaner in Vietnam gekämpft hat, Vietnam-Erzählungen also zur Familiengeschichte gehören.

          Zum anderen ist sie eine Chiffre, weil Max und auch Mischa in ihrer künstlerischen Reflexion, also im Bild und auf der Bühne, sich auf den Vietnam-Krieg und seine Folgen beziehen, bis hin zur Grundauseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus, die, wenn auch in sehr anderer Form als in den siebziger Jahren, noch ihre Realität prägt – bei Max vor allem bedingt durch den Umzug von Norwegen nach New Jersey, die den Sohn ehemaliger Marxisten mitten in die amerikanische Jugendkultur der frühen neunziger Jahre katapultiert.

          Johan Harstad: „Max, Mischa und die Tet-Offensive“. Roman. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. Rowohlt Verlag, Reinbek 2019.

          Max hat eine regelrechte Vietnam-Obsession. Als Kind, noch in Norwegen, hat er im Wald bei Stavanger mit seinen Freunden Gefechte nachgestellt und sich dabei schwer verletzt; als Erwachsener möchte er von Onkel Ove, der sich inzwischen Owen nennt, hören, wie es wirklich war. „Warst du in the shit?“, fragt Max ihn, und der antwortet: „Nicht so richtig.“

          Von Owens Vietnam-Trauma, von seinem verbogenen Weg, der ihn als Jazzmusiker in die Vereinigten Staaten führte und dann zum Soldaten werden ließ, wird der Leser indes noch viel erfahren, vielleicht sogar zu viel: mehrere hundert Seiten sind auch diesem Owen Larsen gewidmet. Johan Harstad pflegt einen digressiven Stil, der ihn mühelos auch mal eine Seite lang Titel von Musikalben aufzählen lässt, die bei einer Plattenfirma erschienen sind, für die Owen in den achtziger Jahren Klavieraufnahmen macht.

          Als wäre er noch einmal heimatlos geworden

          Den roten Faden des Romans kann man bei solchen Erzählexzessen schon einmal verlieren; wieder aufgenommen wird er aber etwa durch gewisse Leitbilder und Metaphern. So spielt etwa Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now“ eine zentrale Rolle für das Buch, er taucht immer wieder in Gesprächen auf, die Max mit seinen Freunden oder anderen Künstlern führt, und zwar sowohl in seiner Thematik als auch in seiner berüchtigt gewordenen Produktionsgeschichte.

          Ein Zitat des Regisseurs Coppola, das diesem Roman als Motto vorangestellt ist, lautet: „We were in the jungle. There were too many of us. We had access to too much money, too much equipment, and little by little, we went insane.“ Es ist naheliegend, diese Diagnose auch auf Harstads Roman zu übertragen: „Apocalypse Now“ wird damit auch zur Allegorie für das Buch selbst, das ja ebenfalls ein überambitioniertes Großprojekt darstellt und vom Scheitern bedroht ist – hier vor allem bei der Bewältigung einer Familiengeschichte, die eingebettet ist in mehr als fünfzig Jahre Zeitgeschichte.

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