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Erzählungen von Joey Goebel : Sie finden mich also gruselig?

Am Ohio River ist es in Joey Goebels fiktiver Kleinstadt Moberly am schönsten. Auch in der Nähe seiner Heimatstadt Henderson, Kentucky, macht sich der Fluss in der Morgensonne gut. Bild: Picture-Alliance

Ein Stalker wirft sich einem anderen in den Weg, eine Lehrerin holt ihren Lieblingsschüler von einer Party ab: In „Irgendwann wird es gut“ hat Joey Goebel eine neue Balance von Satire und Zärtlichkeit gefunden.

          Wer bei einem Autor wie Joey Goebel liest: „die Bar wurde zu einem seligen Karneval der Heiligen, als Olivia Abbott Anthony Dent ihre Telefonnummer gab“, bei dem müssen alle Alarmglocken schrillen. Noch dazu, wenn er in der ersten Geschichte aus „Irgendwann wird es gut“, dem ersten Erzählungsband des Schriftstellers aus Kentucky nach vier Romanen, bis zu diesem Satz gekommen ist und somit weiß, wie gern sich Anthony zu den Abendnachrichten auf einen Drink mit seiner Angebeteten getroffen hat – er mit den beiden Gläsern und einer Liste mit Themen zum Plaudern vor dem Bildschirm, und sie, die ahnungslose Moderatorin der Lokalnachrichten von Moberly, auf Sendung.

          Eines Abends fasst sich Anthony ein Herz und stellt sich auf den Parkplatz des Senders. Als er seiner Olivia hinterherfahren will, wirft sich ihm allerdings – „Sie gehört mir! Sie gehört mir!“ – ein zweiter Stalker in den Weg, noch deutlich durchgeknallter als Anthony selbst. Man macht sich Sorgen um die Lokalberühmtheit, klar, aber das ist noch nicht alles: Unwillkürlich ertappt sich der Leser dabei, auch dem traumverlorenen, abgehängten Kerl die Daumen zu halten, der gewiss kein schlechter Kerl ist, in seinem Konkurrenten und späteren Kumpel bloß eindeutig den falschen Ratgeber gefunden hat.

          In seinem als Erstes auf Deutsch veröffentlichten Roman „Vincent“ spielt Joey Goebel durch, welche Konsequenzen die Erkenntnis haben könnte, Künstler wären im Unglück zu den größten Werken fähig. In seinem dritten, „Heartland“, gräbt eine schwerreiche Familie ihr schwarzes Schaf wieder aus, weil dieser jüngste Sohn, der Aussteiger aus dem Trailerpark, seinem älteren Bruder das verschaffen soll, was dem bei seiner Kandidatur für den Kongress zu Hause in Fly-Over-America fehlt: Volksnähe. In „Irgendwann wird es gut“ findet Joey Goebel zu einer neuen Balance aus Satire und Mitgefühl, fast möchte man sagen: zu einer neuen Zärtlichkeit im Umgang mit seinen Figuren. Und mit ihrer Stadt, wie Goebels Heimatort Henderson im Westen Kentuckys am Ohio River gelegen.

          Joey Goebel: „Irgendwann wird es gut“. Erzählungen. Aus dem Englischen von Hans M. Herzog. Diogenes Verlag, Zürich 2019. 320 S., geb., 22,– Euro.

          Eine Lehrerin sagt ihrem Kurs, wer über die Feiertage merke, dass er nicht mehr fahren sollte, und nicht wisse, wie er nach einer Party nach Hause komme, könne sie einfach anrufen. Ihr achtzehn Jahre alter Lieblingsstudent probiert aus, was dann passiert. Ein elf Jahre altes eigensinniges Mädchen findet in einem Antiquitätenhändler einen Vertrauten und in einem indiskreten Schulkameraden einen Widersacher, der überall herumerzählt, sie habe „es mit einem viel älteren Mann getrieben“. Die Enkeltochter und eine Sozialarbeiterin beraten, ob sie einer alten Frau gegen deren Willen ihren „bösen, ollen, rolligen Hund“ wegnehmen sollen, der sie in diesem Jahr immerhin schon zweimal zum Fall für die Notaufnahme gemacht hat. Der Kassierer einer Videothek freut sich, dass er auf den über den Tag vereisten Straßen nicht nach Hause zurückfahren kann und die Nacht wohl in dem Hotel mit dem Innenpool verbringen muss, auf den alle Zimmer blicken: Hier kann einfach alles passieren. Es sind klar gezeichnete, reizvolle Konstellationen, in denen Joey Goebel seine Leser so weit in seine Figuren hineinschauen lässt, dass deren erster Eindruck mitunter den beschämenden Beigeschmack eines Vorurteils bekommt.

          Einige haben in einer späteren Geschichte einen zweiten Auftritt, in dem sie vollends über sich hinauswachsen - oder in sich zusammenfallen: Dann hat die fremde Schöne versucht, sich das Leben zu nehmen, ist von einem der einsamen, seltsamen Männer des Buchs gerettet worden und will auf dem Krankenhausbett herausfinden, warum dessen Auto auch vor dem Vorfall immer wieder mal vor ihrem Haus parkte. „Sie finden mich gruselig“, konstatiert der arme Retter und offenbart, dass nicht sie es ist, der er verzweifelt nachstellt.

          Es liegt eine große Traurigkeit über Joey Goebels Buch. Seine Figuren sind einsam bis zum Erbarmen und oft dennoch zu rührender Größe fähig, was durch zwei verlässliche Stützen gegen das Kippen ins Gefühlige abgesichert wird: den Witz, mit dem sie selbst sich sehen, und den, mit dem der Autor sie zeichnet. Die Jungen wollen nur noch weg, den Leuten in den mittleren Jahren ist es beinahe peinlich, in all der Zeit nicht weggekommen zu sein. Die Älteren indes sehen ihr Moberly mitunter gar als „zauberhaftestes Städtchen der Welt“ – zumindest, wenn es ihnen gegen den inneren Widerstand doch gelungen ist, eine der größten Zumutungen dieser Welt anzunehmen und sich einen Weg zu kämpfen: ins Freie.

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