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Roman „Zornfried“ : Drehen Sie, wenn möglich, um

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Was dann bleibt vom Wald, wenn die Metaphysik verschwindet, ist nichts als die ewig gleiche Kulisse der eintönig gewachsenen Stämme des Spessarts. Bild: dpa

Eine Gruppe rechter Denker auf einer Burg. Ein Journalist auf Pilgerreise, fasziniert vom „Neuen“, unfähig, Richtig und Falsch zu erkennen. Über Jörg-Uwe Albigs Schlüsselroman „Zornfried“.

          Der Wald gefiel Jan Brock gar nicht. Brock, freier Journalist mit Pauschale im Feuilleton der „Frankfurter Nachrichten“ und Erzähler in Jörg-Uwe Albigs Roman „Zornfried“, hatte sich den Spessart ganz anders vorgestellt. Er hatte an Räuber gedacht, „an Wirtshaus und Spukschloss, an schwarze, endlose Dunkelheit, aus der kein Entkommen war“. Der Wald, durch den Brock mit seinem Peugeot fährt, hatte aber nichts Unheimliches. Er ging Brock mit seinen eintönig in Reihe gewachsenen Bäumen nur auf die Nerven. Bis Modergeruch durch die Lüftung zog und Brock im letzten Moment einen Ast umkurvte, den ein Sturm auf die Straße gefegt hatte. Worauf das Navi nur gelangweilt sprach: „Drehen Sie, wenn möglich, um.“

          Natürlich kann Brock hier nicht dem guten Rat des Navigationsgeräts folgen, denn dieser schöne Vorschlag der künstlichen Intelligenz steht am Ende des nur eineinhalb Seiten langen Auftakts zu Brocks Reise in eines der immer noch sagenumwobenen Zentren der sogenannten neurechten Intelligenz.

          Der dunkle Ritter der neuen Intelligenz

          Albig zieht in dieser kurzen Einführung den metaphysischen Stecker aus einem anderen Wald: dem von Ernst Jünger nämlich, der sich nicht nur selbst als Dichter des deutsch-anarchischen Waldgangs sah. Und dessen gleichnamigen Buch ebenfalls bei Klett-Cotta erschienen ist. Was dann bleibt vom Wald, wenn die Metaphysik verschwindet, ist nichts als die ewig gleiche Kulisse der eintönig gewachsenen Stämme des Spessarts.

          Jan Brock muss aber weiter durch die Einöde, denn er ist auf der Suche nach Storm Linné. Das ist der dunkle Ritter der neuen Intelligenz, ein rechter Avantgardist, der in der nun auch nicht mehr ganz neuen Kleinschreibung dichtet. „Spessart“ heißt eines seiner Werke, das Albig seinem Buch voranstellt: „Dort wo der fuchs in scharfer waid den hasen schlägt / Dort wächst die einheit die aus zwietracht lebt (. . .) Der hohe friede der durch blut gemehrt / Dort sprießt der tausendfache tod der segen bringt / Im wald der die moral des lebens lehrt.“

          Man glaubt Albig sofort, dass ihm das Dichten dieser völkischen, nur halb dunklen deutschen Gedichte Spaß gemacht hat, wie er es bei der Buchvorstellung in Berlin und in einem Interview erzählt hat. Und man kann beim Lesen auch lachen – es bleibt nur in jedem Gedicht ein Rest, der über Satire und Persiflage hinausgeht. Im Gedicht über den „Spessart“ ist es die letzte Zeile über den Wald, der die Moral des Lebens lehrt. Ist das nicht genau der Grund für den immensen Erfolg jenes deutschen Sachbuchbestsellers der jüngeren Gegenwart, in dem ein Förster den Wald als ein interaktiv kommunizierendes Ganzes darstellt, in dem die Bäume miteinander reden, ohne sich in Konkurrenz zu übervorteilen?

          Man kann das als Satire lesen

          Ein anderes Gedicht heißt „Rattenkönig“: „Der eklen horden giftend schwarzes Drängen / Zerplatzt an Zornfrieds rauem schieferhut.“ Wenn man sie kennt, können einem dazu die Bilder aus jenem Nazi-Propagandafilm einfallen, in dem Massen von Ratten durch die Gänge getrieben werden und als Ungeziefer die arische Rasse bedrängen. Es ist eine der großen Fähigkeiten Albigs, solche Anspielungen immer nur anzutippen und nicht auszuwalzen.

          Einmal zieht der Burgherr von Zornfried, Hartmut Freiherr von Schierling, etwas verstohlen ein Buch mit rotem Cover aus dem Regal, „Michael. A Novel“, um es gleich wieder in der Masse der Bücher verschwinden zu lassen – es handelt sich um die englische Übersetzung jenes Romans, den Joseph Goebbels in den frühen zwanziger Jahren schrieb, aber das lässt Albig unerwähnt. Besser so. Schierlings Regale sind „voller Kleist und Evola, Klages und Borchardt, Whitman und E. O. Wilson“. Offenbar kommt es dem Burgherrn aber weniger auf den Inhalt der Bücher an als vielmehr auf deren Alter, wie Brock fasziniert feststellt.

          Jörg-Uwe Albig: „Zornfried“. Klett-Cotta, 159 Seiten, 20 Euro

          Natürlich kann man solche Passagen in Albigs Roman als Satire lesen – und zwar auf die vielen Homestorys aus Schnellroda, zu Besuch beim neurechten Götz Kubitschek, seiner Familie und seinen Ziegen, die in den vergangenen Jahren erschienen sind, in ungefähr allen deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen und sogar in der „New York Times“. Es kann nur passieren, dass man die überhaupt nicht satirische Grundfrage von Albigs Roman übersieht. „Längst bildete ich mir nicht mehr ein zu wissen, was richtig oder falsch war“, sagt Jan Brock, gleich am Anfang von „Zornfried“. Aber was neu war, das konnte Brock immer noch erkennen, und das jeden Tag besser. Hingetrieben zum Neuen, zum neuen Rechten, hat ihn dabei seine „reine Neugier“, diese „heilige, unbezähmbare Neugier“, auf die Brock so stolz war.

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