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Roman „Zornfried“ : Drehen Sie, wenn möglich, um

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Nicht mehr unterscheiden zu können zwischen Richtig und Falsch, und das dann auch noch in Verbindung mit der „reinen Neugier“: Darum geht es in Albigs Roman. Gibt es das überhaupt, die reine Neugier? Die in Brocks Selbstbeschreibung so heilig-unbezähmbar vom Himmel fällt?

Sorgen, die erst zu nehmen seien

Brock listet dann auch gleich auf, was ihm seine Neugier gebracht hat: einen Pauschalistenvertrag bei den „Nachrichten“, den Peugeot, die Vierzimmerwohnung am Zoo. Brock verbindet jene Frage nach Richtig und Falsch, die er nicht mehr zu beantworten vermag, mit einem allgemeineren Gesetz: dem des Wachstums. Was nicht wächst, stirbt schon, in dieser Kurzform wendet es Brock auf den Journalismus an. Die Kunst besteht darin, Themen zu erkennen, wenn sie auftauchen, sozusagen über ihr Keimstadium hinaus gewachsen sind – aber noch nicht journalistisch beschrieben sind.

Und so stößt Brock auf sein Thema der neuen rechten Intellektuellen: Bei einer Diskussion in einem Theater trifft er auf eine Politologin, einen Gewerkschafter, einen Intendanten und auf Aktivisten. Sie sprechen über die „Zivilgesellschaft“, über das „starke Bündnis, das man diesen Kräften entgegenstellen müsste“, aber auch von den „Sorgen, die ernst zu nehmen seien“, von den „Grenzen des Sagbaren“, die man schützen, und den „Denkverboten“, die man meiden müsse.

Jeder und jede kennt solche Reden. Albigs Kunst liegt auch darin, dass er sie nicht denunziert. Er lässt nur einen Trupp rechter Störer ins Theater eindringen und sie eine Gedichtzeile von Storm Linné an die Wand sprühen: „versklavt nicht von der Heuchler feiger Zunge“. Und hier, in diesem Augenblick, beginnt Brocks Suche nach Storm Linné und der Burg Zornfried.

Burg Zornfried in Wuthen, Kreis Korzbach

Was Albig hier dann aber kurz einstreut, erledigt glatt jenen Mythos von den neuen Rechten als begabten Benutzern und Bedienern der aktuellen Zeichen von Sub- und Popkulturen. In der Horde, die das Theater stürmt, trug einer „eine Basecap, einer eine Bauernmütze, einer Vollbart und Glatze, ein anderer kurzes, gelgescheiteltes Kopfhaar. Zwei litten unter Frisuren, die dem Vorbild des nordkoreanischen Präsidenten folgten, und der Rest an Frisuren, die gar keine waren.“ Der Mythos von der popkulturellen Kompetenz der neuen und ach so jungen Rechten zerfällt in diesen kurzen Beschreibungen schlicht und einfach durch detailgenaues Hinsehen. Das schadet dem Fluss der Geschichte überhaupt nicht.

Albigs Detail- und Wortsicherheit wiederum zeigt sich auch bei den Namen, die er in seinem Roman vergibt: Das fängt mit Storm Linné an, bei dessen Name die Betonung nicht vorn, also auf dem Dichter Theodor Storm liegt, sondern hinten, auf dem Begründer der modernen binomischen Nomenklatur für die Lebewesen dieser Erde. Wie der Naturforscher Carl von Linné einst damit begann, Pflanzen wie Tiere über ihre Namen zu kennzeichnen und zu unterscheiden, ist auch Albig ein Meister der Namen. Die Burg Zornfried wiederum liegt in Wuthen, im Kreis Korzbach, oder auch, wie die Bewohner von Zornfried sagen würden, im Gau Mainfranken.

Und dort, auf dieser Burg, in die Brock es geschafft hat, über den Burgherrn Schierling einzudringen, trifft der Journalist dann nicht nur auf die vielen Töchter des Hausherrn, sondern auch: auf eine junge Wehrsportgruppe. Und einige der schillernden „Intellektuellen“. Einer von ihnen, ein bleicher, gedrungener Mann im schwarzen Anzug namens Krathmann, verwickelt Brock dort in ein Gespräch, das man als den medienkritischen Kern von Albigs Roman lesen kann. Krathmann konfrontiert Brock mit Sätzen aus einem Verriss, den Brock über ein Werk von Storm Linné geschrieben hatte. „Wissen Sie überhaupt noch, was Sie da geschrieben haben“, sagt Krathmann und singt Brock seine alten Sätze vor, die Brock immer noch nicht falsch finden kann, auch wenn es ihm unangenehm ist, von Krathmann gelobt zu werden. Und genau in diesem Mechanismus liegt das Dilemma, um das Albig seine furiose Geschichte entfaltet.

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