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Jörg Fausers Gedichte : So klingt der Bornheim-Blues

  • -Aktualisiert am

Ein „ein Ausschnitt aus der Selbstmordzone“? Zumindest in einem Gedicht von Jörg Fauser: Die Berger Straße in Frankfurt, 1972. Bild: Lutz Kleinhans

Foto-Finish und Futsch: Jörg Fausers Gedichte erscheinen gesammelt in einem Band. Wirkt ihr deutscher Hard-Boiled-Sound nur heute manchmal parodistisch, oder war er vielleicht schon ursprünglich so gemeint?

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          „Sie werden in diesem Buch kein einziges Naturgedicht finden, warum auch? Die Natur hat Fauser in der Literatur nicht interessiert, und sie gehörte vielleicht nicht zu den Orten, an denen Fauser sich bewegte“, schreibt Björn Kuhligk im Vorwort zum vorliegenden Band. Das scheint sich durchs titelgebende Gedicht „Ich habe große Städte gesehen“ klar zu bestätigen: „Berlin, Paris, New York, / eine Straßenecke in Schöneberg / erregt mich tiefer / als der Schnee / auf dem Mont Blanc / Oder die Wälder / im Untertaunus“.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Was Fauser erregte, war ein typischer Sound, den er von der amerikanischen Beat- und Undergroundliteratur kannte und wie deren maßgeblicher Übersetzer, sein Freund Carl Weissner, verehrte. Kein Wunder, dass man bei diesem geteilten und gelebten Faible ein übersetztes Gedicht von Charles Bukowski vielleicht nicht auf Anhieb von einem Fausers unterscheiden oder auch von einem Wolf Wondratscheks: „Krepierte Fliegen im Schnapsglas / irgendein müder Irrer lehnt die ganze Nacht / im Delirium an der verrammelten Haustür / Lass rammeln Harry“.

          In welcher Stadt mag diese Szene sich abspielen? Los Angeles, London? Beide hat Jörg Fauser auch bedichtet – aber hier befinden wir uns in der Stadt, in der er zur Schule ging, in Frankfurt. „Bornheim Blues“ heißt das Stück. „Bergerstraße als ein Ausschnitt aus der Selbstmordzone / Geruch nach Gulasch und Pisse und Hinterhof / City / Die sich in den Wind schießt“. Das Reportage-Gedicht über einen „Sonntagabend gegen sieben“ zwischen Pferdewetten, Drogentrip und der auf sich warten lassenden „Lady“ könnte auch ein Lied von Tom Waits sein, so sehr schwelgt es in der heruntergekommenen Szenerie des ausbleibenden Glücks: „Full of Beans hat nichts gezahlt My Love nur 25 für 10 / irgendwelche Ackergäule und Schindmähren / Foto-Finish und Futsch“.

          Jörg Fauser: „Ich habe große Städte gesehen“. Die Gedichte. Mit einem Vorwort von Björn Kuhligk. Diogenes Verlag, Zürich 2019. 352 S., geb., 24 Euro.
          Jörg Fauser: „Ich habe große Städte gesehen“. Die Gedichte. Mit einem Vorwort von Björn Kuhligk. Diogenes Verlag, Zürich 2019. 352 S., geb., 24 Euro. : Bild: Diogenes

          Aber doch bewegt sich Fauser nicht nur im Epigonalen. Über dieselbe Stadt kann er auch ganz anders dichten, sogar teilweise, wenn auch eigenwillig, gereimt: „Die Kälte ist schwül / In Frankfurt am Main / Wer sich nicht umbringt / Der trägt Gefühl“. Nach Glück riecht auch dieses Gedicht nicht, seine apokalyptische Stimmung mutet in diesen Tagen wie ein Pandemie-Szenario an, in dem man sich auf das Wesentliche besinnt: „Schlangen vor den Apotheken / Und vor den Fress-Boutiquen / Die Austern sind heute knapp / Aber Heroin gibts en masse. / Die Nutten quieken. / Sex vom Fass.“ Spätestens hier wird aber auch deutlich, dass in der Derbheit Witz liegt, ein Witz, der im lakonischen Ton auch an Ringelnatz oder Tucholsky erinnern mag.

          Viele der Gedichte, die nun erstmals gesammelt in einem Band erscheinen und noch ergänzt um bislang unveröffentlichte, lesen sich heute wie Parodien des Hard-Boiled-Sounds – und vielleicht, das haben schon andere zu bedenken gegeben, waren sie auch damals schon so gemeint. Das schützt sie dennoch nicht immer vor Kritik, selbst wenn sie bewusst aus der Sprechrolle eines „Mackers“ verfasst sind, wie Björn Kuhligk zu bedenken gibt. Er warnt: „Sie werden in diesen Gedichten auf Frauen treffen, die auf Äußerlichkeiten reduziert sind, die als Stichwortgeberinnen oder Projektionsflächen fungieren.“ Teils scheinen die Fäkalsprachkaskaden auch etwas Feierliches zu haben. Wer bereit ist, sich dem auszusetzen, vielleicht ja auch in einer ironischen Rezeptionshaltung, wird dazwischen immer wieder einen trockenen Humor entdecken, der oft schon in den Titeln steckt: „Nada, was sonst“ heißt ein nihilistisches Gedicht oder „Einmal habe ich sogar Joan Baez gesehen“ eines über deren „sehr pazifistische Nasenflügel“. Wer bislang vielleicht nur den prosaischen Fauser der Romane „Der Schneemann“ oder „Rohstoff“ kannte, wird hier noch vieles mehr entdecken, sogar zynische Selbstreflexion im Lichte vernichtender Literaturkritik, die Fauser sehr zugesetzt hat: „Kurzes lächelndes Solo“ ist das Gedicht dazu. „Ach, wir überleben’s schon!“ heißt es am Ende des dystopischen Frankfurtgedichts. Angesichts von Fausers frühem Tod 1987 klingt auch das nach Ironie, bitterer.

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