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Jörg Fauser: Der Strand der Städte : Und immer ist irgendwo Los Angeles

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Von Bornheim-Mitte an den Rand des Wahnsinns: Als Langstreckenlektüre ermöglicht Jörg Fausers journalistisches Gesamtwerk eine unterhaltsame Reise durch die westdeutsche Gesellschaftsgeschichte.

          5 Min.

          Ordnungsgemäß müsste dieser Artikel über Jörg Fauser auf einer alten Schreibmaschine heruntergerattert werden. Denn die Schreibmaschine war das wichtigste Requisit für die vagabundierenden Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Zur Schreibmaschine gehörten entfernter Straßenlärm, hochprozentiger Alkohol, pulverförmige Drogen – und eine gewisse Wut, mit der die schweren Tasten nach unten gehämmert wurden.

          Aber die Schreibmaschine ist ausgestorben, und auf einem MacBook kann man nicht in die Tasten greifen wie Jörg Fauser, der 1987 von einem Lastwagen überfahren wurde, als er im Vollrausch über eine Autobahn lief. Man kann auch nicht mehr Kerouac in Tanger sein, Hemingway auf Kuba oder Bukowski in Hollywood. So etwas schafft höchstens noch der „Bild“-Kolumnist Franz-Josef Wagner, der seinen Artikel zum zwanzigsten Todestag des Freundes mit diesem hartgekochten Satz begann: „Wie Sterben ist, hat Jörg Fauser nicht mehr selbst erlebt, er war zu besoffen.“

          Der Weg zum Kult

          Vielleicht ist die Melancholie darüber, dass all das heute nicht mehr geht, ein Grund für die Verkultung, die Jörg Fauser in jüngster Zeit erfahren hat – wenn nicht beim großen Publikum, so doch zumindest bei den Schreibern und vor allem unter Journalisten. Fauser steht für eine schmutzige Literatur mit echtem Wirklichkeitskontakt, wie sie in Deutschland stets als Rarität galt und meistens in Form amerikanischer Taschenbücher importiert werden musste. Sein Biograph Matthias Penzel bringt dieses Modell im Vorwort zu Fausers journalistischen Arbeiten, die nun als achter Band der großen Fauser-Edition im Berliner Alexander Verlag erschienen sind, auf eine leicht kitschige Formel: „Mit den Füßen fest auf dem Boden der Zeit, keine Angst vor Gosse und Dreck, auch keine Berührungsangst vor Boulevard und Demimonde.“

          All das stimmt, und auf den 1600 Seiten des Bandes agiert der Autor von „Rohstoff“ als schaffenskräftiger Journalist, der den Rohstoff des Lebens liebte und mit Vorliebe jene Sperrbezirke aufsuchte, um die wohlerzogene Literaten einen Bogen machen. Es ist dem Herausgeber Alexander Wewerka zu danken, neben den großen Reportagen auch entlegenste Artikel in den Band aufzunehmen – vom schwärmerischen Aufsatz des Obertertianers über einen Schüleraustausch in Lyon, der 1959 in der „Frankfurter Neuen Presse“ erschien, bis zur knallharten „Abrechnung“ im Männermagazin „lui“, die 1987 kurz vor Fausers Tod noch einmal ein Hauptmotiv seines Schreibens formuliert: „Die amerikanische Literatur ist vital, die deutsche schlapp.“

          Entzauberung eines Mythos

          Das Tolle an dieser Zusammenschau ist nicht bloß, dass sich aus all den Rezensionen, Kolumnen, Essays und Radiobeiträgen eine faszinierende Autorenbiographie ergibt, die aus einem bildungsbürgerlichen Umfeld durch die Frankfurter Fixer- und Spontiszene bis in die achtziger Jahre mit ihren hedonistischen Magazinen führt. Lesenswert ist der Mammutband auch deshalb, weil er die Kultfigur Fauser entzaubert – auch wenn es bestimmt nicht die Hauptabsicht der Unternehmung war. Wer Fauser zum Schutzheiligen des echten Lebens verklärt, nur weil er oft in Bahnhofskneipen herumsaß, der übersieht nämlich, wie sehr dieser Mann literarischen Gespenstern nachjagte – und nicht immer konnte er sie einholen. Fausers journalistisches Werk wimmelt nur so vor Ehrbezeugungen, und meistens gelten sie den großen Kaputtgehern der Literaturgeschichte, von Joseph Roth über Ernest Hemingway bis hin zu Jack Kerouac. In all diesen Typen spiegelt sich Fauser, in allen sieht er „Brüder am Strand der Städte“.

          Aber es entsteht eben auch der Eindruck, dass er ihnen fast verzweifelt hinterherschrieb und hinterherlebte. Wenn Bukowski die Pferderennbahn im kalifornischen Inglewood besuchte, ging Fauser halt auf die Trabrennbahn Berlin-Mariendorf – und so wie Hunter S. Thompson 1972 den Präsidentschaftskandidaten George McGovern durch die Mehrzweckhallen von Milwaukee begleitete, folgt Fauser 1985 dem jungen Gerhard Schröder vor der Landtagswahl in den „Gasthof Wente in Melle bei Osnabrück“.

          Hommage an Chandler

          Immer wieder träumt sich Fauser aus dem nasskalten Alltag der Bundesrepublik an seine Sehnsuchtsorte hinüber. Der Abstand zwischen den Welten macht die Schönheit und Tragik seiner Texte aus. „Und immer ist irgendwo Los Angeles“, schreibt er in einer Hommage an Raymond Chandler, den Erfinder des einsamen Detektivs Marlowe, „und ein Mann, lädiert und skeptisch und melancholisch, mit vielen Wassern gewaschen, aber immer noch ehrlich, ein Mann auf der Suche nach der verborgenen Wahrheit, macht sich auf den Weg.“ Keine Frage, dass Fauser hier über sich spricht.

          Tatsächlich sind die verrücktesten Momente bei der Lektüre immer die, an denen Frankfurt-Bornheim plötzlich wirkt wie Los Angeles oder West-Berlin wie Kabul. Einmal, in einem für die „Basler Zeitung“ verfassten Artikel mit dem Titel „Agonie“, ist es sogar andersherum: In Marokko, dem ewigen Exil aller Beatniks, überfallen den Autor plötzlich „Bilder des Nordens“, Gedanken an „Pool-Partien an der Münchner Peripherie“ und „die langen Regennachmittage bei U. mit dem letzten Bier vom letzten Leergut“. In solchen unheimlichen Raum-Zeit-Beschwörungen, erzeugt mit wenigen, magischen Wörtern, offenbart sich Fausers Ausnahmetalent.

          Wurzeln in der Gegenkultur

          Als Langstreckenlektüre ermöglicht der Band eine unterhaltsame Reise durchs Archiv der westdeutschen Gesellschaftsgeschichte. Das fängt an mit handkopierten Untergrundblättern, wo Fauser den Anstieg der Heroinpreise im Stil eines Leitartiklers kommentiert: „Wenn ein Schuss dreißig Äppel kostet, ist es Zeit abzuhauen.“ Doch ebenso findet sich ein prophetischer Vorschlag zur Reform der „Tagesschau“: „Warum nicht, wenn es schon Herren sein müssen, zwei oder drei, die sich abwechseln beim Vorlesen, die auch mal eine lockere Bemerkung machen?“

          Fausers Texte wurzeln in der Gegenkultur, und ihm war mehr oder weniger gleich, ob sie in der überregionalen Tagespresse erschienen – oder „in Mizzis Mösen-Magazin oder in der Kreuzberger Kneipenzeitung“. Zur Freude des Pressehistorikers zeigt der Band immer wieder Faksimiles vergessener Titel – etwa des halberotischen Ruhrgebiet-Magazins „MARABO“, das ein Interview mit Fauser gleich unter der Titelgeschichte „Onanie: Ich mach’s mir selbst“ ankündigt.

          Polemik gegen die Kollegen

          Fauser hatte aber kein Milieu im Rücken, das zeigen besonders seine politischen Kommentare – etwa wenn er den Antikommunismus des späten Kerouac verteidigt oder den Royalismus von Joseph Roth. Den Frankfurter Grünen, die 1982 den Goethe-Preis an Ernst Jünger verhindern wollten, wirft er „Blockwartsmief“ vor. Scharf ist seine Polemik gegen den Schriftstelleraufruf „Wir arbeiten nicht für Springer-Zeitungen“, unter dem auch der zum Springer-Konzern gehörende Ullstein-Verlag zu leiden hatte, wo Fauser publizierte: „Das hören wir gern: Nun muss also BILD am Sonntag ohne die Feuilletons von Günter Grass’ letzter China-Reise auskommen.“

          Als Bundeskanzler Helmut Schmidt 1981 im Bundestag auf eine Anfrage des Abgeordneten Kohl hin feststellt, „geistige Führung“ könne nicht von einer Regierung ausgehen, sondern nur von Philosophen und Autoren, pflichtet Fauser ihm bei – und mäht in seiner Kolumne fürs Berliner Stadtmagazin „tip“ die gesamte deutsche Kollegenschaft nieder: „Sie frühstücken in Barcelona und essen in Rom zu Mittag und machen Siesta in Kalkutta und sausen am nächsten Tag schon mit dem Taxi an die Große Mauer, aber sie bringen selten etwas anderes mit als Texte, die sich wie Ansichtskarten von ihrem Balkon lesen.“

          In Fauserland

          Wie Postkarten wirken Fausers Berichte nie, ganz gleich, ob sie in Pilskneipen in Westfalen spielen oder in Koblenzer Hotelbars. Der Mann war wirklich da, er kennt die „Imbissbuden, Bierhallen, Bordelle“, die „Huren, Stricher und Fixer“. In einem kleinen, raffinierten Aufsatz über Graham Greene kritisiert Fauser jene Kritiker, die Greenes Romanschauplätze in Indochina, Mexiko und Westafrika zusammenfassend als „Greeneland“ bezeichnen, „als hätte er sich das alles zusammengesucht oder heranphantasiert“. Für Fauser hing alles davon ab, dass Greenes Werke in der „gesegneten Wirklichkeit“ spielen und eben nicht im Reich der Fiktion. Vielleicht liegt hier das große Missverständnis. Auch Jörg Fauser war nicht unser Mann in der Wirklichkeit. Er war Korrespondent in Fauserland. Und das ist ein Ehrentitel.

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