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Jörg Fauser: Der Strand der Städte : Und immer ist irgendwo Los Angeles

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Bild: Verlag

Von Bornheim-Mitte an den Rand des Wahnsinns: Als Langstreckenlektüre ermöglicht Jörg Fausers journalistisches Gesamtwerk eine unterhaltsame Reise durch die westdeutsche Gesellschaftsgeschichte.

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          Ordnungsgemäß müsste dieser Artikel über Jörg Fauser auf einer alten Schreibmaschine heruntergerattert werden. Denn die Schreibmaschine war das wichtigste Requisit für die vagabundierenden Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Zur Schreibmaschine gehörten entfernter Straßenlärm, hochprozentiger Alkohol, pulverförmige Drogen – und eine gewisse Wut, mit der die schweren Tasten nach unten gehämmert wurden.

          Aber die Schreibmaschine ist ausgestorben, und auf einem MacBook kann man nicht in die Tasten greifen wie Jörg Fauser, der 1987 von einem Lastwagen überfahren wurde, als er im Vollrausch über eine Autobahn lief. Man kann auch nicht mehr Kerouac in Tanger sein, Hemingway auf Kuba oder Bukowski in Hollywood. So etwas schafft höchstens noch der „Bild“-Kolumnist Franz-Josef Wagner, der seinen Artikel zum zwanzigsten Todestag des Freundes mit diesem hartgekochten Satz begann: „Wie Sterben ist, hat Jörg Fauser nicht mehr selbst erlebt, er war zu besoffen.“

          Der Weg zum Kult

          Vielleicht ist die Melancholie darüber, dass all das heute nicht mehr geht, ein Grund für die Verkultung, die Jörg Fauser in jüngster Zeit erfahren hat – wenn nicht beim großen Publikum, so doch zumindest bei den Schreibern und vor allem unter Journalisten. Fauser steht für eine schmutzige Literatur mit echtem Wirklichkeitskontakt, wie sie in Deutschland stets als Rarität galt und meistens in Form amerikanischer Taschenbücher importiert werden musste. Sein Biograph Matthias Penzel bringt dieses Modell im Vorwort zu Fausers journalistischen Arbeiten, die nun als achter Band der großen Fauser-Edition im Berliner Alexander Verlag erschienen sind, auf eine leicht kitschige Formel: „Mit den Füßen fest auf dem Boden der Zeit, keine Angst vor Gosse und Dreck, auch keine Berührungsangst vor Boulevard und Demimonde.“

          All das stimmt, und auf den 1600 Seiten des Bandes agiert der Autor von „Rohstoff“ als schaffenskräftiger Journalist, der den Rohstoff des Lebens liebte und mit Vorliebe jene Sperrbezirke aufsuchte, um die wohlerzogene Literaten einen Bogen machen. Es ist dem Herausgeber Alexander Wewerka zu danken, neben den großen Reportagen auch entlegenste Artikel in den Band aufzunehmen – vom schwärmerischen Aufsatz des Obertertianers über einen Schüleraustausch in Lyon, der 1959 in der „Frankfurter Neuen Presse“ erschien, bis zur knallharten „Abrechnung“ im Männermagazin „lui“, die 1987 kurz vor Fausers Tod noch einmal ein Hauptmotiv seines Schreibens formuliert: „Die amerikanische Literatur ist vital, die deutsche schlapp.“

          Entzauberung eines Mythos

          Das Tolle an dieser Zusammenschau ist nicht bloß, dass sich aus all den Rezensionen, Kolumnen, Essays und Radiobeiträgen eine faszinierende Autorenbiographie ergibt, die aus einem bildungsbürgerlichen Umfeld durch die Frankfurter Fixer- und Spontiszene bis in die achtziger Jahre mit ihren hedonistischen Magazinen führt. Lesenswert ist der Mammutband auch deshalb, weil er die Kultfigur Fauser entzaubert – auch wenn es bestimmt nicht die Hauptabsicht der Unternehmung war. Wer Fauser zum Schutzheiligen des echten Lebens verklärt, nur weil er oft in Bahnhofskneipen herumsaß, der übersieht nämlich, wie sehr dieser Mann literarischen Gespenstern nachjagte – und nicht immer konnte er sie einholen. Fausers journalistisches Werk wimmelt nur so vor Ehrbezeugungen, und meistens gelten sie den großen Kaputtgehern der Literaturgeschichte, von Joseph Roth über Ernest Hemingway bis hin zu Jack Kerouac. In all diesen Typen spiegelt sich Fauser, in allen sieht er „Brüder am Strand der Städte“.

          Aber es entsteht eben auch der Eindruck, dass er ihnen fast verzweifelt hinterherschrieb und hinterherlebte. Wenn Bukowski die Pferderennbahn im kalifornischen Inglewood besuchte, ging Fauser halt auf die Trabrennbahn Berlin-Mariendorf – und so wie Hunter S. Thompson 1972 den Präsidentschaftskandidaten George McGovern durch die Mehrzweckhallen von Milwaukee begleitete, folgt Fauser 1985 dem jungen Gerhard Schröder vor der Landtagswahl in den „Gasthof Wente in Melle bei Osnabrück“.

          Hommage an Chandler

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