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Jörg Fauser: Der Strand der Städte : Und immer ist irgendwo Los Angeles

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Immer wieder träumt sich Fauser aus dem nasskalten Alltag der Bundesrepublik an seine Sehnsuchtsorte hinüber. Der Abstand zwischen den Welten macht die Schönheit und Tragik seiner Texte aus. „Und immer ist irgendwo Los Angeles“, schreibt er in einer Hommage an Raymond Chandler, den Erfinder des einsamen Detektivs Marlowe, „und ein Mann, lädiert und skeptisch und melancholisch, mit vielen Wassern gewaschen, aber immer noch ehrlich, ein Mann auf der Suche nach der verborgenen Wahrheit, macht sich auf den Weg.“ Keine Frage, dass Fauser hier über sich spricht.

Tatsächlich sind die verrücktesten Momente bei der Lektüre immer die, an denen Frankfurt-Bornheim plötzlich wirkt wie Los Angeles oder West-Berlin wie Kabul. Einmal, in einem für die „Basler Zeitung“ verfassten Artikel mit dem Titel „Agonie“, ist es sogar andersherum: In Marokko, dem ewigen Exil aller Beatniks, überfallen den Autor plötzlich „Bilder des Nordens“, Gedanken an „Pool-Partien an der Münchner Peripherie“ und „die langen Regennachmittage bei U. mit dem letzten Bier vom letzten Leergut“. In solchen unheimlichen Raum-Zeit-Beschwörungen, erzeugt mit wenigen, magischen Wörtern, offenbart sich Fausers Ausnahmetalent.

Wurzeln in der Gegenkultur

Als Langstreckenlektüre ermöglicht der Band eine unterhaltsame Reise durchs Archiv der westdeutschen Gesellschaftsgeschichte. Das fängt an mit handkopierten Untergrundblättern, wo Fauser den Anstieg der Heroinpreise im Stil eines Leitartiklers kommentiert: „Wenn ein Schuss dreißig Äppel kostet, ist es Zeit abzuhauen.“ Doch ebenso findet sich ein prophetischer Vorschlag zur Reform der „Tagesschau“: „Warum nicht, wenn es schon Herren sein müssen, zwei oder drei, die sich abwechseln beim Vorlesen, die auch mal eine lockere Bemerkung machen?“

Fausers Texte wurzeln in der Gegenkultur, und ihm war mehr oder weniger gleich, ob sie in der überregionalen Tagespresse erschienen – oder „in Mizzis Mösen-Magazin oder in der Kreuzberger Kneipenzeitung“. Zur Freude des Pressehistorikers zeigt der Band immer wieder Faksimiles vergessener Titel – etwa des halberotischen Ruhrgebiet-Magazins „MARABO“, das ein Interview mit Fauser gleich unter der Titelgeschichte „Onanie: Ich mach’s mir selbst“ ankündigt.

Polemik gegen die Kollegen

Fauser hatte aber kein Milieu im Rücken, das zeigen besonders seine politischen Kommentare – etwa wenn er den Antikommunismus des späten Kerouac verteidigt oder den Royalismus von Joseph Roth. Den Frankfurter Grünen, die 1982 den Goethe-Preis an Ernst Jünger verhindern wollten, wirft er „Blockwartsmief“ vor. Scharf ist seine Polemik gegen den Schriftstelleraufruf „Wir arbeiten nicht für Springer-Zeitungen“, unter dem auch der zum Springer-Konzern gehörende Ullstein-Verlag zu leiden hatte, wo Fauser publizierte: „Das hören wir gern: Nun muss also BILD am Sonntag ohne die Feuilletons von Günter Grass’ letzter China-Reise auskommen.“

Als Bundeskanzler Helmut Schmidt 1981 im Bundestag auf eine Anfrage des Abgeordneten Kohl hin feststellt, „geistige Führung“ könne nicht von einer Regierung ausgehen, sondern nur von Philosophen und Autoren, pflichtet Fauser ihm bei – und mäht in seiner Kolumne fürs Berliner Stadtmagazin „tip“ die gesamte deutsche Kollegenschaft nieder: „Sie frühstücken in Barcelona und essen in Rom zu Mittag und machen Siesta in Kalkutta und sausen am nächsten Tag schon mit dem Taxi an die Große Mauer, aber sie bringen selten etwas anderes mit als Texte, die sich wie Ansichtskarten von ihrem Balkon lesen.“

In Fauserland

Wie Postkarten wirken Fausers Berichte nie, ganz gleich, ob sie in Pilskneipen in Westfalen spielen oder in Koblenzer Hotelbars. Der Mann war wirklich da, er kennt die „Imbissbuden, Bierhallen, Bordelle“, die „Huren, Stricher und Fixer“. In einem kleinen, raffinierten Aufsatz über Graham Greene kritisiert Fauser jene Kritiker, die Greenes Romanschauplätze in Indochina, Mexiko und Westafrika zusammenfassend als „Greeneland“ bezeichnen, „als hätte er sich das alles zusammengesucht oder heranphantasiert“. Für Fauser hing alles davon ab, dass Greenes Werke in der „gesegneten Wirklichkeit“ spielen und eben nicht im Reich der Fiktion. Vielleicht liegt hier das große Missverständnis. Auch Jörg Fauser war nicht unser Mann in der Wirklichkeit. Er war Korrespondent in Fauserland. Und das ist ein Ehrentitel.

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