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Neuer Roman von Jochen Schmidt : Oh, wie schön ist Urfustan!

Jochen Schmidt Bild: Picture-Alliance

Immer wenn man das Gefühl hat, Jochen Schmidts Roman „Ein Auftrag für Otto Kwant“ könne absurder nicht werden, wird er noch irrwitziger.

          3 Min.

          Nein, es sieht tatsächlich nicht gut aus für den Architekturstudenten Otto Kwant, denn der merkwürdige postsowjetische Staat Urfustan, in den ihn sein Chef Holm Löb geschleppt hat, droht ihn mit Haut und Haar zu verschlingen. Dabei hatte der Ruf in die Fremde durchaus etwas Verheißungsvolles: Die Deutsche Botschaft des Landes wünschte sich ein neues, repräsentatives Gebäude in der Hauptstadt Mangana, und der Präsident sowie omnipräsente Chefarchitekt des Landes, Zültan Tantal, hatte Löb und Kwant als Baumeister auserkoren, weil ihm deren Entwurf eines jurteähnlichen, mit Sichtbeton verkleideten Gebäudes überzeugt hatte. Kaum in Urfustan angekommen, wo trotz der gigantischen Fläche stur in die Höhe gebaut wird, nehmen die Absurditäten allerdings rasch ihren Lauf. Dass die japanischen Kirschbäume wegen des heißen Klimas aus Kunststoff sind, aber trotzdem permanent gewässert werden, gehört noch zu den putzigen Absonderlichkeiten in Jochen Schmidts Roman „Ein Auftrag für Otto Kwant“, der ebenso gut „Otto Kwants Albtraum“ heißen könnte. Unheimlicher ist indes die Allgegenwärtigkeit des Herrschers Zültan Tantal, dem man selbst in einem U-Bahn- Schacht nicht entkommt. „Eine ganze Bilderserie zeigte verschiedene Szenen aus Zültan Tantals Leben. Man sah in mit einem jungen Rehkitz, das sich an ihn schmiegte, während er es mit einem Fläschchen Milch fütterte, man sah ihn mit Gärtnerhut beim Rosenschneiden, bei der Arbeit auf einem Mähdrescher, man sah ihn, wie er als Schüler einen Streit auf dem Schulhof schlichtete.“ Die Idylle trügt. Die Botschaft hinter den Bildern lautet: Ich sehe alles!

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Man kann Otto Kwant nicht vorwerfen, er gäbe sich keine Mühe, diese maximal fremde Welt zu lesen und ihre Codes zu entschlüsseln, nur eben ohne Erfolg. Und so ist Otto Kwant ein Verlorener, der von einer absurden Situation in die nächste stolpert, während sich die Schlinge zuzieht.

          Dieses genaue Schauen und Staunen

          Jochen Schmidt verpackt den Urfustan-Irrsinn in einen wunderbar lakonisch-melancholischen Ton, in den er bisweilen einen feinen Witz einwebt. Die meistens ins Leere laufende Dialoge bringen die schiere Ausweglosigkeit auf den Punkt. Man redet nicht miteinander, sondern übereinander hinweg. Einmal, Kwant ist auf der Flucht und will nur noch raus aus diesem Land, zwängt er sich unter einem Bauzaun hindurch, um zu einer Hütte auf einer verwaisten Baustelle zu gelangen. Völlig erschöpft, legt er sich auf eine Pritsche im Haus, schläft ein, und als er erwacht, sitzt ein Mann mit Schnurrbart und fettigem Haar neben ihm. Er fragt:

          Jochen Schmidt: „Ein Auftrag für Otto Kwant“. Roman. Verlag C.H. Beck, München 2019. 347 S., geb., 23,– Euro.

          „,Woher du bist? Osten oder Westen?‘

          ,Ich stamme ursprünglich aus Kassel, lebe in Köln und arbeite in Berlin, aber das sollte so viele Jahre nach dem Mauerfall doch keine Rolle mehr spielen.‘

          ,Du kannst hier nicht überleben.‘

          ,Deshalb will ich ja weg‘

          ,Kannst du schweißen?‘

          ,Nein.‘

          ,Kannst du einen Sattelschlepper durch den Schlamm lenken?‘

          ,Nein, wozu?‘“

          In „Zuckersand“, seinem letzten, vielgelobten Roman, den man als eine Art Aufmerksamkeitsplädoyer lesen konnte, hat Jochen Schmidt feinfühlig auf die vermeintlich nebensächlichen Dinge des Alltags geblickt. Und auch „Ein Auftrag für Otto Kwant“ durchzieht das genaue Schauen und Staunen, dieses Mal jedoch in einer feindlichen und von Schmidt eindrücklich beschriebenen Umgebung.

          Vor Freude ganz aus dem Häuschen

          Kwant jedenfalls entwickelt sich notgedrungen zum Überlebenskünstler, freilich ohne jede Romantik. In einer besonders abstoßenden Episode – Kwant, der den Rasen des Präsidentenparks verbotenerweise betreten und in eine Cola-Flasche uriniert hat, sitzt in der „Staatlichen Bewusstseinsschule“, ein Euphemismus für Gefängnis, ein – fängt er Fliegen für sein massigen, stinkenden Zellengenossen, der sich die Tiere zur sexuellen Stimulation in seinen Harnkanal drückt. Hätte er keine Fliege zur Hand, würde er sich an Otto Kwant vergehen, der, als sich ihm die Chance unvermittelt bietet, geistesgegenwärtig genug ist, um zu fliehen.

          Immer wenn man beim Lesen das Gefühl hat, absurder kann diese Urfustan-Trip nun wirklich nicht mehr werden, wartet Schmidt mit einer noch irrwitzigeren Geschichte auf, was gegen Ende leider etwas ermüdet. Kwant kapert beispielsweise einen mit deutschen Rentnern vollbesetzten Reisebus und stößt in der Ödnis auf ein Dromedar, von dem er sich zum nächsten Dorf tragen lässt, wo die dort lebende deutsche Minderheit vor Freude über den unerwarteten Besuch ganz aus dem Häuschen ist. Schnell kommt man auf die Idee, Kwant könnte doch als Hitler verkleidet der hundertjährigen Hilda nachträglich zu ihrem Geburtstag gratulieren. Und der gutmütige Kwant? Lässt sich, obwohl sich alles in ihm sträubt, breitschlagen. Diese Unfähigkeit, sich abzugrenzen, ist wohl Otto Kwants größter Feind; und auch diese Unfähigkeit wird ihm in Urfustan zum Verhängnis.

          Jochen Schmidt: „Ein Auftrag für Otto Kwant“. Roman. Verlag C. H. Beck, München 2019. 347 S., geb., 23,– Euro.

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