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Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich so, wie es nie war : Die Liebe zur suizidgefährdeten Marlene

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Bild: Kiepenheuer & Witsch

Joachim Meyerhoff setzt sein Lebenserinnerungsprojekt fort: In „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ erzählt er von einer seltsam glücklichen Kindheit überm Kuckucksnest.

          Manche fliegen übers Kuckucksnest; Joachim Meyerhoff verbrachte eine behütete Kindheit mittendrin. Sein Vater war Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hesterberg bei Schleswig, ein Arzt, dem seine Patienten näherstanden als die Menschen draußen; einschließlich seiner eigenen Frau. Zum jährlichen Geburtstagskaffeekränzchen lud Hermann Meyerhoff nicht Freunde, Verwandte oder Kollegen ein, sondern harmlose Irre wie den kindlich-neugierigen Dietmar, die ohne Punkt und Komma redende Margret (“Ohhsiehtderkuchenleckerausichglaubichwerdnichtmehr“) oder Ludwig, der immer den Hund streicheln wollte, vor dem er so viel Angst hatte.

          Der human-integrative Umgang mit den Kranken machte den „Wahnsinns-Ort“ auch für seinen jüngsten Sohn zu einem Heim „selbstverständlicher Normalität“. Das hyperaktive, jähzornige Nesthäkchen hieß unter Brüdern nur der „Wasserkopf“ oder „Die blonde Bombe“. Schon das schuf eine gewisse Verzweiflungsverwandtschaft mit den 1500 „Psychos“, „Mongos“, „Blödies“ und „Spastis“, die für die Kinder Spielkameraden, Lehrer, Vertraute und jedenfalls Familienmythen waren.

          Wärme und Zuneigung zu den Irren

          Josse, der „spindeldürre Hochdruck-Zappler“, erlebte Krippenspiele mit einem schwerstbehinderten Jesuskind und einer Jungfrau Maria in der Zwangsjacke. Der „Glöckner“, ein struppiger Riese mit Vollbart und Bimmelglöckchen, trug ihn wie der heilige Christophorus auf seinen Schultern; Ferdinand malte für ihn im Keller Katzen im Querschnitt, Rudi, der Anstalts-Tarzan, erschreckte ihn mit seinem falschen Revolver, die suizidgefährdete Marlene war seine erste Liebe, und das abendliche „Brüllkonzert“ aus der geschlossenen Abteilung gehört zu seinen liebsten Kindheitserinnerungen.

          Meyerhoff erzählt im zweiten Band seines Lebenserinnerungsprojekts „Alle Toten fliegen hoch“ (der erste, „Amerika“, handelte von seinem Jahr als Austauschschüler in Wyoming) mit Wärme und Zuneigung von den Irren, und mit ähnlich heiterer Selbstverständlichkeit erinnert er sich auch an den normalen Wahnsinn zu Hause. Der Vater ist ein „übergewichtiges Universallexikon“, verständnisvoll, belesen und so lebensuntüchtig, dass er mit seiner Jolle schon bei Windstärke null in Seenot gerät. Joachims Brüder legen mit ihren Sticheleien immer wieder Feuer an die leicht entzündliche Lunte der Blonden Bombe. Die praktische Mutter löscht, tröstet und bügelt alles nach Kräften aus; aber Josses bester Freund war wohl doch der Hund, mit dem er nach einem Winnetou-Film Blutsbrüderschaft schloss.

          Vergangenheit noch unverbürgter als die Zukunft

          Was Meyerhoff aus seiner Kindheit und Jugend erzählt, ist manchmal zum Brüllen komisch und gewinnt durch die hampelnde Distanzlosigkeit und den quasimündlichen Duktus noch an Charme: So landet etwa Ministerpräsident Stoltenberg, der imposante Große Klare aus dem Norden, bei seinem Besuch in Hesterberg im Matsch, als Rudi die Leibwächter mit seinem „Hände hoch!“ erschreckt. Man muss Meyerhoff nicht alles glauben; er ist auch als Schauspieler eine Rampensau mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und leichtem Hang zu narzisstischem Beziehungswahn. Aber selbst wenn es nicht wahr ist, ist es doch schön erfunden.

          Die Vergangenheit ist ein „noch ungesicherterer, weniger verbürgter Ort als die Zukunft“, die Aufmerksamkeit des Publikums wetterwendisch, und so doktert Meyerhoff an seinen unfertigen Erinnerungen herum, bis sie staunenswert und effektvoll für sich stehen. Im ersten Kapitel beschreibt er, wie er im zarten Alter von sieben Jahren seinen ersten Toten sah. Als niemand ihm glauben will, schmückte er die unglaubliche Geschichte so lange mit erfundenen Details aus, bis ihm zufällig eine Wahrheit unterläuft. Seit damals steht für ihn fest: „Erfinden heißt Erinnern.“

          Bildungsromanartige Diaschau

          Dabei muss Meyerhoff seinem Gedächtnis eigentlich nicht auf die Sprünge helfen. Sein Erinnerungsnetz ist engmaschig: Kein Wort des Vaters, keine brüderliche Gemeinheit rutscht unbeachtet durch, und manchmal verfangen sich auch Belanglosigkeiten darin. Der Suchstrahl von Meyerhoffs Erinnerungsleuchtturm arbeitet nichtchronologisch und eher assoziativ. „Amerika“ war manchmal auch nur ein Haufen sympathisch unkonzentriert erzählter Anekdoten und Porträts; aber der beschränkte Zeitraum gab ihnen eine gewisse Geschlossenheit und der Unfalltod des Bruders am Ende eine fast bildungsromanartige Form: Der verwöhnte, verzappelte Choleriker reifte in Laramie, Wyoming, zum selbstbewussten jungen Mann und begnadeten Basketballer.

          “Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ wirkt dagegen manchmal wie ein unsortierter Diavortrag oder eine Sammlung von Bildern aus dem Familienalbum. Aber auch diesmal fehlt es nicht an Toten. Das Familienidyll zerbröckelt; vor allem in der zweiten, ernsteren Hälfte des Romans häufen sich die tragischen Ereignisse. Erst trennt sich die Mutter von ihrem Mann, entnervt von seinen Affären; nach dem Bruder stirbt der geliebte Hund, und am Ende verliert auch der Vater seinen Kampf gegen den Krebs. Sein Tod markiert einen Höhepunkt von Meyerhoffs schlichter Erzählkunst und so etwas wie seine endgültige Mannwerdung: Der „Bildungsbuddha“ im Lehnstuhl war für den nervösen Jungen der strahlende Fixpunkt seines Lebens.

          Meyerhoffs Roman ist ein wunderbares Vaterbuch, zärtlich, komisch und am Ende untröstlich traurig. Mit achtzehn kehrte Meyerhoff, an Leib und Seele gereift, aus „Amerika“ zurück; aber erst jetzt ist er stark genug, um Abschied vom Vater zu nehmen und sein Vermächtnis zu erfüllen: die „Verrückten“ inner- und außerhalb der Familie als Menschen von überlebensgroßer „Deutlichkeit“ und eigensinniger Würde wahrzunehmen. Und die Toten über jedes Kuckucksnest hinausfliegen und hochleben zu lassen.

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