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Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch : Bekenntnisse eines Austauschschülers

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Alles an diesem Buch ist echt: Von der Geschichte bis zu den Fotos auf dem Cover. Der Schauspieler Joachim Meyerhoff zeigt sich in seinem Romandebüt als glänzender Erzähler des wahren Lebens.

          5 Min.

          Wenn man am Ende der Lektüre noch einmal zu den Anfangssätzen zurückblättert, wird man fast ein wenig erstaunt feststellen, wie viel von den folgenden gut dreihundert Seiten schon in ihnen steckt, gerade weil diese Sätze so einfach und unscheinbar daherkommen. „Mit achtzehn ging ich für ein Jahr nach Amerika“, lautet der erste. „Noch heute erzähle ich oft, dass es ein Basketballstipendium war, aber das stimmt nicht. Meine Großeltern haben den Austausch bezahlt.“

          Abgesehen von der knappen Inhaltsvorschau - um eben dieses Austauschjahr wird es in „Alle Toten fliegen hoch“ im Wesentlichen gehen - legt Joachim Meyerhoff hier auch sein Erzählprinzip dar: Es geht um das Erinnern und das Erzählen des Erinnerns und darum, wie beides immer dem Reiz der Übertreibung, dem Reiz zur kleinen Heldengeschichte unterliegt. Und es geht um die - mit einer Mischung aus Belustigung und Gelassenheit versehene - Erkenntnis, dass das Leben in den allerwenigsten Fällen aus heroischen Episoden besteht, sondern aus banalen oder pragmatischen. Was nicht bedeutet, dass die sich nicht tragisch, traurig oder großartig anfühlen können. Das weiß Meyerhoff umso mehr, als er in seinem Buch, auch wenn er es Roman nennt, seine eigene Geschichte erzählt. In dem permanenten Sich-selbst-Durchschauen durch das Erzählen und auf liebenswerte Weise Durchschaubarmachen, ohne entlarvend oder denunzierend zu sein, besteht der schöne, zurückhaltende Witz dieses Buches, der anfangs allerdings so leise gar nicht ist.

          Keine ironische Abgrenzung nötig

          Die ersten knapp zwanzig Seiten, in denen Meyerhoff respektive sein Ich-Erzähler - das kann man hier getrost als einigermaßen deckungsgleich annehmen - einzelne Episoden aus seiner Kindheit im norddeutschen Städtchen Schleswig zum Besten gibt, sind ein veritables Spektakel an Witzen, Anekdoten und herrlich hanebüchenen Ausschmückungen. Wenn Meyerhoff etwa die riesige Kinderverknäulung in einer riesigen Rutsche beschreibt, die er als Zweitklässer auslöste, weil er unbedacht mit einer vollständig rutschresistenten Lederhose zum Klassenausflug gestartet war. Oder wenn er an die Episode erinnert - die ihm schon damals die beiden älteren Brüder partout nicht glauben wollten -, dass ihn, während er auf dem Bordstein versuchte, eine Kuh zu malen, ohne jede Vorwarnung ein Mann an Arm und Bein packte, einmal im Kreis herum und sodann über die nächste Gartenhecke schleuderte.

          Spätestens jetzt hat man sich auf Temperatur gelacht. Joachim Meyerhoff, der seit 2005 zum Ensemble des Wiener Burgtheaters gehört, ist nicht nur ein grandioser Schauspieler, er ist auch ein Erzähler, der weiß, wo er seine Pointen zu setzen hat. Für den sechsteiligen Bühnenzyklus, der „Alle Toten fliegen hoch“ ursprünglich gewesen ist, wurde er dafür mit einer Einladung zum Theatertreffen ausgezeichnet.

          Der Roman, der nun aus dem ersten Teil des Zyklus entstanden ist, behält den Charme des Mündlichen. Er ist aber nicht nur lustig, sondern erzählt auf wunderbar unspektakuläre Weise vom Erwachsenwerden, vom Herauswachsen aus dem Kleinstadtleben mit seinen Einfamilienhäusern und Nachmittagen am See, dem ersten Verliebtsein in der Eisdiele. Vermutlich kann Meyerhoff dieses bürgerliche Westdeutschland der achtziger Jahre in seiner Stille und Langsamkeit und im Grunde natürlich ungeheuer langweiligen Beschaulichkeit deshalb so genau einfangen, weil er es als Zuhause erzählt. Wenn der Siebzehnjährige spätabends und in Tränen aufgelöst vom deprimierenden Auswahltreffen für das Amerika-Jahr berichtet und die Mutter Hühnerfrikassee aufwärmt, das der Vater dem Sohn während des Zuhörens vom Teller pickt, dann hat das ein Aufgehobensein, von dem keine ironische Abgrenzung nötig ist.

          Prosaisch und bitter

          Trotzdem aber drängt es den Jungen, wegzugehen. Abstand zu gewinnen. „Die lieben und umarmen mich die ganze Zeit. Und jetzt hier in Amerika bin ich so weit weg, dass ihre Arme nicht herreichen, und endlich sehe ich sie mal aus der Weite und nicht immer so von nah. Sehe, was das überhaupt für Menschen sind.“ Das wird er später an Randy schreiben, einen Insassen der Todeszelle, dem er beim Besuch eines Gefängnisses eine Brieffreundschaft versprochen hat.

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