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Joachim Geil: Heimaturlaub : Wenn die Pflicht zur Schuld geworden ist

  • -Aktualisiert am

Schuld und Vergebung ist das große Thema des Buches. „Ich bin bei dir. Ich verzeih’ dir“, die Worte der Großmutter, die Dieter auch die Mutter ersetzen musste, bilden denn auch die Schlüsselstelle: „Verzeihen? Was? Was verzeihen? Fünfjährige treue Pflichterfüllung? Dieter versteht nicht recht.“ Doch, natürlich versteht er: „Weiß, was sie meint. Weiß nur zu genau, was sie meint“, auch wenn er nicht weiß, ob das funktionieren kann mit dem Verzeihen, auch wenn er nicht weiß, ob das funktionieren kann mit der Fahnenflucht, die ihm der Großvater nahelegt – und er wählt schließlich seinen eigenen Weg. Vor den Erinnerungen lässt sich nicht desertieren.

Überflüssige Konstruktionsmängel

Eingeführt wird die Geschichte über eine etwas vertrackte Quellenfiktion: Ein Gegenwartserzähler nämlich tritt mit auktorialer Geste auf, erkundet anhand von Briefen die Vergangenheit der eigenen Familie, stößt auf einen Onkel, von dem außer den Feldpostbriefen nichts bekannt ist. Diese Zwischenschaltung einer Erzählerebene, die zwar autobiographisch gedeckt ist, wie Joachim Geil im Interview erklärt, fügt der Handlung bedauerlicherweise keine Dimension hinzu. Dieser Erzähler bleibt blass, er verschwindet mitsamt seiner Zeitebene nach und nach aus dem Geschehen.

Dass die Handlung stark konstruiert wirkt, ist an sich noch kein Mangel, immerhin handelt es sich um eine exemplarische Fabel. Und doch hätte es vielleicht nicht immer der maximalen Pegelausschläge bedurft: Die junge russische Geliebte („Verliebt hat er sich, verliebt in ein Russenmädchen“) ist natürlich eine wahre Heilsgestalt, die sich Dieter nach einer rituell anmutenden Waschung nicht nur jungfräulich hingibt, sondern ihm auch noch unter Lebensgefahr die Haut rettet. Und natürlich durchläuft ihre Schändung alle Stadien des Grauens, metzelt man alle Bewohner ihres Dorfes hin und wirft sie der Kompanie zum Fraß vor, und natürlich ist Dieter der Letzte, der sich an der zerfetzten Beute gütlich tun soll und plötzlich erkennt, wen er da vor sich hat. Diese Überdeutlichkeit setzt sich in der Symbolik fort, wenn etwa der Blitz just in den Baum einschlägt, unter dem Dieter Schutz sucht und unschuldige Nüsse tötet: „Unreif. Reif wären sie erst im Oktober, dann kann man sie aufheben, aufsammeln, trocken lagern und zu Nusskuchen verarbeiten. Aber nicht jetzt. Viel zu früh.“

Radikaler Antikriegsroman

Aber trotz dieser beiden kleinen Einschränkungen, der Unmotiviertheit der Rahmenhandlung und der leichten Überzeichnung, ragt das Buch des in Köln lebenden Kurators und Lektors aufgrund seiner erzählerischen Souveränität und erstaunlichen Sprachkraft deutlich aus der großen Masse der Debüts hervor. In seiner subtilen Widerlegung aller Kollektivschuldphantasmen ist diese so berührend einfühlsam geschilderte Geschichte zugleich ein radikaler Antikriegsroman – und schon daher nach wie vor nötig in einer Gesellschaft, die Kriege als Mittel der Politik anerkennt.

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