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: Jetzt ist Ritterlichkeit angesagt

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Sie sei "one of the nation's glories", schrieb ein hingerissener Kritiker erst im letzten Jahr. Daß eine anno 1911 in Deutschland geborene Halbengländerin, die sich am liebsten in Frankreich und Italien aufhielt, die ebenso viel von Wein wie von Literatur verstand, die mit Männern Freundschaft schloß ...

          Sie sei "one of the nation's glories", schrieb ein hingerissener Kritiker erst im letzten Jahr. Daß eine anno 1911 in Deutschland geborene Halbengländerin, die sich am liebsten in Frankreich und Italien aufhielt, die ebenso viel von Wein wie von Literatur verstand, die mit Männern Freundschaft schloß und mit Frauen schlief, die unpopuläre, weil unbequeme politische Meinungen eloquent vertrat und als eine der wenigen unbeirrt an die Unschuld des 1957 wegen mehrfachen Mordes an Patientinnen angeklagten Arztes John Bodkin Adams glaubte und die - unter anderem - eine geradezu furchterregend anspruchsvolle Biographie Aldous Huxleys verfaßt hatte - daß eine solche Frau, die sich ihre eigenen Konventionen schuf, nicht nur in die Order of the British Empire aufgenommen wurde (das werden viele), sondern sogar noch in der "Daily Mail" als Zierde der britischen Nation gefeiert werden kann, verrät, daß sich hier jemand nicht mit herkömmlichem Maßstab messen ließ.

          Nun sollte man meinen, daß ein Leben, das Stoff für mehrere Romane und drei Erinnerungsbände bietet, nicht ganz langweilig gewesen sein kann - es sei denn, jemand nimmt sich ungeheuer wichtig. Sybille Bedford hat es mit Nonchalance und Esprit vermocht, ihr Leben in den Dienst ihrer Bücher und ihre Bücher in den Dienst ihres Lebens zu stellen, ohne dabei besonderes Aufhebens von sich zu machen. Diese Eigenschaft unbekümmerter Selbstironie, die sie jenseits ihrer Sprachmacht tatsächlich als jene englische Schriftstellerin ausweist, die sie zeitlebens sein wollte, kennzeichnet ihr gesamtes Werk. Und sie macht den Erinnerungsband "Treibsand", den die Vierundneunzigjährige wenige Monate vor ihrem Tod im Februar dieses Jahres abschloß, zu einem Stück europäischer Kultur-, Mentalitäts- und Geschmacksgeschichte.

          Wie fast in allen Büchern Bedfords spiegelt sich in "Treibsand" weniger ein bestimmtes Leben oder eine Persönlichkeit, gar die ihre, als vielmehr ein Lebensgefühl. Nach der ländlich verbrachten Kindheit der Tochter eines verarmten und zurückgezogen lebenden badischen Barons und einer leicht entflammbaren Engländerin ist es den äußeren Umständen nach vor allem das mal hochfliegende, mal bedrückte, aber immer reflektierte Überlebensgefühl jener unsteten Haute Culture, die sich in den Zwischenkriegsjahren in Südfrankreich, in Spanien und Italien tummelte, ein wenig auf der Flucht, ein wenig von Geldsorgen geplagt, auf der Suche nach neuen künstlerischen Formen und Formeln, dafür die meiste Zeit sehr verliebt in das wohltemperierte mediterrane Leben - und ineinander sowieso.

          Der Weg dorthin war so ungewöhnlich wie vieles an Sybille Bedford, die sich als einen "ziemlich nonkonformistischen Menschen in verschiedenen Oasen des zwanzigsten Jahrhunderts" beschreibt. Unsentimental, wie sie war, und geschult durch Vorbilder und Freunde wie Martha Gellhorn, W. H. Auden, Evelyn Waugh und, vor allem, Cyril Connolly, versucht sie gar nicht erst, sich zu erklären oder ihren Erinnerungsschüben, diesem "Amalgam von Fragmenten", eine geordnete, gar chronologische Form zu geben. Als die Ehe der Eltern nach wenigen Jahren vorhersehbar zerbricht - die Mutter neigte dazu, sich alle paar Jahre heftig in jemanden anderen zu verlieben, und hatte den deutschen Baron ohnedies in erster Linie geheiratet, um über einen anderen hinwegzukommen -, bleibt sie zunächst in Deutschland, wo die Schulbildung zu wünschen läßt, der Vater ihr jedoch Wein und Malerei nahebringt.

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