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Jessica Durlacher: Der Sohn : Der Afghanistankrieg als Lagerlektion

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Bild: Verlag

Lieben und beschützen mit aller Gewalt: Jessica Durlachers Roman „Der Sohn“ ist ihr bislang bester.

          3 Min.

          Alle glücklichen Familien ähneln einander, sagt Tolstoi, und jede unglückliche ist auf ihre eigene Weise unglücklich. Ob man die Silversteins zu den glücklichen rechnen darf, ist noch offen: „Die letzte Familie auf Erden“ hat zwar durch vier Generationen hindurch viel Leid und Streit erlebt, aber sie ist nie daran zerbrochen. Auf jeden Fall ähneln die Silversteins den Durlachers. Sara, die Erzählerin, ist mit dem holländischen Film- und Fernsehproduzenten Jacob verheiratet, in dem man unschwer Jessica Durlachers Mann Leon de Winter erkennen kann. Ihr Vater Herman emigrierte (wie der Soziologe Gerhard Durlacher) 1938 von Baden-Baden nach Holland, ihre Großeltern starben im Konzentrationslager.

          Die Erfahrung des Holocaust, die Angst vor der Wiederkehr des Unheils überschattet das Leben der Silversteins bis in die Gegenwart. Sara litt und leidet noch immer unter dem Beschützerwahn ihres Vaters, und nach dem Tod des Patriarchen zerbricht das prekäre Familienidyll vollends. Sara, das Sorgenkind des Überlebenden, wird selbst zur besorgten Mutter, die Familienformel „Liebe plus Angst gleich wahre Liebe“ zum Gefängnis: Weil sie ihre Kinder Tess und Mitch vor dem Bösen beschützen will, verliert sie ihr Vertrauen, und so holt die Vergangenheit hinterrücks alle wieder ein. Sara wird von einem „fiesen, dreckigen Faschisten“ überfallen und gedemütigt, Jacob wenig später niedergeschossen und Tess vergewaltigt. Schuld und Scham vergiften die Beziehungen in Ehe und Familie: Die Mutter hat weder die Kraft zum Widerstand noch den Mut zum Sprechen, der Vater ist handlungsunfähig, die Tochter traumatisiert.

          Literarisch wenig subtil

          Nur Mitch kann unter der geschichtslosen Sonne Kaliforniens Bewegung in die erstarrten Verhältnisse bringen: Er lässt sich in einem Bootcamp der Marines zum Afghanistan-Kämpfer ausbilden. Was für die aufgeklärte Journalistin Sara Schock und Ärgernis ist, macht Jacob heimlich stolz und Tess überglücklich: Endlich einmal ein „echtes Ideal“, eine starke Entscheidung, die über Sentimentalität, persönliche Eitelkeiten und intellektuelle Bedenkenträgerei hinausgeht. Mitch erfüllt damit nur das Vermächtnis seines Großvaters. „Sei niemals machtlos, wie ich machtlos war“, schrieb er ihm ins Stammbuch. „Ich hoffe, dass du stark wirst. Dass du imstande sein wirst, die, die du lieb hast, zu beschützen.“ Der Enkel ficht’s tatsächlich besser aus. Mit der Pistole namens Wagner, mit der Herman 1942 die Deportation seiner Eltern hätte verhindern können, nimmt er Rache an dem Peiniger seiner Eltern: Ein Afghanistan-Feldzug im Kleinen, Vergangenheitsbewältigung auf eigene Faust.

          Selbstjustiz als verspätete historische Gerechtigkeit, Krieg gegen den islamistischen Terror als „Lagerlektion“: Die Lehren, die Jessica Durlacher in „Der Sohn“ aus der Geschichte zieht, sind politisch und moralisch eher grobschlächtig und auch literarisch wenig subtil. „Weinen bedeutet Kapitulation, Jämmerlichkeit, und das gönne ich ihnen nicht, diesen Schweinen“, sagt Sara einmal. Nur „der Gedanke an Vergeltung macht den Schmerz erträglich“. Leon de Winter wie Jessica Durlacher setzen sich in ihren Romanen immer wieder mit den langen Schatten des Holocaust auseinander; de Winter womöglich noch aggressiver und plakativer. Zuletzt attackierte er Günter Grass für sein israelkritisches Gedicht mit dem Pamphlet „Der Günter schenkt den Juden ein Gedicht“. Durlacher ist nicht ganz so politisch und öffentlichkeitsbewusst, aber ihre kriegerische Mutter-Kind-Psychologie ist nicht weniger emotional und provokant: „Der Sohn“ (in Holland erschien der Roman unter dem Titel „De held“) lässt sich durchaus auch als Abrechnung mit den rational unterkühlten Zeitgenossen lesen, die von Toleranz, Versöhnung und Frieden reden, wo nur noch bewaffneter Widerstand hilft.

          Mit Leidenschaftlichkeit, Verve und Konsequenz

          Aber Jessica Durlacher ist natürlich weder Hasspredigerin noch Waffenschwester von George W.Bush. Selbst wenn die Löwenmutter Sara rot sieht und Mitch sich zur Kampfmaschine verpanzert, lässt sie immer noch alle Schattierungen und Widersprüche zwischen Liebe und Hass, Wut und Trauer zur Sprache kommen. Mitch ist kein geborener Krieger, sondern nur ein Muttersohn, der seine Lieben verzweifelt beschützen will. Saras „verflixte Weichlichkeit“ ist mit gnadenloser Härte und Vernunftgründen, Eitelkeit und Selbstmitleid durchsetzt; der große, wahre Jacob tendiert zu Selbstgefälligkeit und Sattheit, und am Ende bekommen sogar die „stinkenden Tiere“, die in den geschützten Binnenraum der Familie einbrachen, ein Gesicht und eine Geschichte. „Was heute ist, verdanken wir nur dem Vorausgegangenen. Was daraus folgt, ist simpel: Wir leben noch, wir sind noch da...Die Narben sind in unserem Kopf, und nur Worte können dem Ganzen im Nachhinein einen gewissen Sinn geben.“

          Durlacher reichert ihren Familienroman mit Thrillerelementen an, aber vor allem ist „Der Sohn“ ein Thesenroman. Wie weit darf, muss man gehen, damit Geschichte sich nicht wiederholt? Wann schlägt Beschützerinstinkt in lähmende Sorge und autoritäre Besserwisserei, Gerechtigkeitsempfinden in Rache um? „Liebe ich genug, wenn ich nicht für meine Liebsten töten kann?“ Durlacher findet nicht immer überzeugende Antworten auf ihre großen Fragen und geht mit ihrer Ehrlichkeit manchmal bis an die Schmerz- und Kitschgrenzen. Aber die Leidenschaftlichkeit, Verve und Konsequenz, mit der sie ihr ernstes Gedankenspiel bis zum bitteren Ende verfolgt (und die ausufernden Erzählstränge und endlos in sich kreisenden Gedankengänge immer wieder virtuos zusammenbindet), machen ihren sechsten Roman zu ihrem bisher komplexesten und besten.

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