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Jesmyn Ward: Vor dem Sturm : Katrina ließ uns zurück, damit wir kriechen lernen

  • -Aktualisiert am

Bild: Kunstmann

Ein entfesselter Hurrikan: Jesmyn Ward kehrt in ihrem Roman „Vor dem Sturm“ in das Dorf ihrer Kindheit zurück - und setzt dem Elend die ganze Macht der Sprache entgegen. Ein großer Wurf, literarisch wie politisch.

          4 Min.

          Jesmyn Ward stammt aus einer Gegend, die sie spät zu lieben gelernt hat, und nach allem, was man über diese Gegend weiß, vor allem natürlich, wenn man selbst nie dort war, ist das wenig überraschend. Ward ist in De Lisle aufgewachsen, einem kleinen Kaff nahe der Küste von Mississippi. Ihre Mutter arbeitete als Haushälterin bei denen, die mehr Geld hatten als ihre Familie, der Vater betrieb eine Kung-Fu-Schule.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Jesmyn Ward selbst konnte, weil einer der Arbeitgeber ihrer Mutter es zahlte, auf eine private Schule gehen, wo sie die einzige Schwarze unter lauter weißen Schülern war, sie wurde deswegen von einigen Klassenkameraden gehänselt und verlor, als sie die Schule gerade beendet hatte, ihren Bruder, der von einem betrunkenen Autofahrer getötet wurde. Jahrelang, das hat Jesmyn Ward amerikanischen Zeitungen erzählt, hat sie den Ort gehasst. Weil er so klein war, so eng und so rassistisch. Erst jetzt, nachdem sie längst woanders lebt, ist sie in der Lage, in De Lisle Dinge zu sehen, die liebenswert sind.

          Sorgen und Nöte der vierzehnjährigen Ich-Erzählerin

          Dabei hat sicher geholfen, dass die Jesmyn Ward, die De Lisle heute besucht, eine andere ist als damals. Ward, deren dritter Roman noch in diesem Monat in den Vereinigten Staaten erscheint und deren zweites Buch „Vor dem Sturm“ dieser Tage in deutscher Übersetzung herauskommt, ist jetzt nicht mehr die kleine „Mimi“, der man vor versammelter Klasse unbehelligt Negerwitze erzählen darf. Sie ist eine preisgekrönte junge Schriftstellerin, denn für „Vor dem Sturm“ erhielt sie 2011 den amerikanischen National Book Award, eine der höchsten literarischen Auszeichnungen des Landes. Ironie der Geschichte: Ihr Roman spielt in einem winzigen Kaff nahe der Küste von Mississippi. Und zwar in den zehn Tagen, bevor ein Hurrikan namens Katrina auf diese Küste trifft und den gesamten Landstrich verwüstet.

          Es geht um die Sorgen und Nöte der vierzehn Jahre alten Ich-Erzählerin Esch und ihrer Familie: um das wackelige Haus auf der mit Sperrmüll übersäten Lichtung im Wald, die sie bewohnen; um den alkoholkranken Vater, der versucht, seine vier Kinder, also Esch und ihre drei Brüder, über Wasser zu halten; um die von allen schmerzlich vermisste Mutter, die die Geburt des letzten Kindes nicht überlebt hat. Es geht um Hundekämpfe, die das Geld bringen sollen, das einer der Brüder für den Collegebesuch benötigt; um Esch, die schwanger ist, aber von dem Vater des Kindes, einem Nachbarsjungen, verleugnet wird; es geht um Dosenerbsen, trockene Nudeln und gegrillte Eichhörnchen - mithin um den schier unglaublichen Alltag einer schwarzen Familie am unteren sozialen Rand Amerikas.

          In einer isolierten Lebenswelt

          Nie ist in diesem Roman explizit von Rassismus die Rede. Es gibt keinen Weißen, der die Schwarzen offen diskriminiert, mehr noch: Es tritt gar kein Weißer auf. Doch gerade darin, in dieser völligen Isolation und der Art, wie die Lebenswelten der Schwarzen beschrieben werden, in der vollendeten Armselig- und Perspektivlosigkeit, die in den Überlegungen Eschs über den Abbruch über ihre ungewollten Schwangerschaft gipfeln, liegt eine deutliche und absolut politisch zu verstehende Botschaft. „Die Mädchen sagen, wenn man schwanger ist und eine ganze Monatspackung Antibabypillen schluckt, dann kriegt man seine Tage. Sie sagen, wenn man Bleichmittel trinkt, wird man krank, und das, was das Baby geworden wäre, kommt raus. Sie sagen, wenn man sich selbst richtig doll in den Bauch boxt, sich auf die Metallkante eines Autos wirft und tief genug getroffen wird, um Blutergüsse hervorzurufen, dann hat man vielleicht eine Fehlgeburt... Das sind meine Möglichkeiten, und letztlich bleibt keine übrig.“

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