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Jesmyn Ward: Vor dem Sturm : Katrina ließ uns zurück, damit wir kriechen lernen

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Beinahe unnötig zu sagen, dass die Jugendlichen, mit ihren persönlichen Tragödien vollauf beschäftigt, den nahenden Sturm lange unterschätzen. Erst spät, viel zu spät im Grunde, verrammeln sie die Fenster des Hauses mit Holzlatten, die so wenig zusammenpassen, dass handbreite Spalte offenbleiben und den Wind hindurchlassen. An eine Evakuierung, wie sie die Regierung angeordnet hat, ist ohnehin nicht zu denken. Wohin sollte man gehen? Und von welchem Geld? Den Sturm und die Flut überleben sie so nur knapp. Dafür können sie auf die Solidarität ihrer Nachbarn bauen, die ihnen Unterschlupf gewähren - anders als in der Wirklichkeit. Denn Ward hat Katrina in Mississippi selbst erlebt und einige ihrer Erfahrungen in den Roman einfließen lassen.

Das Elend der Südstaaten-Protagonisten

Andere hat sie allerdings ausgespart. Die Geschichte etwa, wie sie nach der Flucht aus dem überfluteten Haus mit ihrer Familie im Auto durch die Gegend fuhr, um Schutz zu suchen, und wie sie alle dann vor dem Haus einer weißen Familie hielten, welche die Wards abwies und das Ende des Hurrikans auf dem offenen Feld abwarten ließ. Von dieser unfasslichen Episode hat sie nur in Interviews erzählt. Der Roman schont seine Leser gleichwohl nur an diesem einen Punkt. Ansonsten wühlt er sich durch das Elend seiner Südstaaten-Protagonisten, und auch, wenn er vor allem stilistisch mit den Werken des großen Schriftstellers dieser Gegend, mit William Faulkner, nicht viel gemein hat, möchte man Jesmyn Ward recht geben. Faulkner habe sie beeindruckt und eingeschüchtert, sagte sie einmal.

Aber sie habe eben auch den Eindruck gewonnen, dass den Schwarzen in seinen Büchern nur selten dieselbe Bandbreite an Emotionen zustünde wie den Weißen. Und genau hier schlägt Ward einen anderen, eigenen Weg ein. Ihre Figuren, Esch und ihre Brüder Randall, Skeetah und selbst der kleine Junior, kämpfen täglich im Kleinen um Anerkennung, Liebe, Geld, eine Zukunft und vor allem um ihre Würde. Sie üben sich nicht nur in Solidarität, weil die das einzige Gut ist, das nichts kostet, sondern weil sie als Familie keine andere Wahl verspüren. Und sie bringen Opfer füreinander, selbst wenn das an anderer Stelle Verluste bedeutet und keinem am Ende mehr bleibt als die nassen Kleider auf der Haut.

Ein Racheengel Medea als Gefährtin

In diesem Zusammenhang ist auch Eschs zuweilen frühreif wirkende Bewunderung für den griechische Racheengel Medea, den sie immer dann anruft, wenn der Druck zu groß wird und eine übergeordnete Instanz dem Leiden Sinn geben soll, eine Volte von pädagogischem Nutzen. Denn warum sollte diese zerrissene Frau nicht auch einer jugendlichen schwarzen Amerikanerin zur geistigen Gefährtin werden? Warum sollte nicht auch sie versuchen, den Zumutungen ihres Lebens mit Referenzen aus der abendländischen Mythenwelt zu trotzen? „Sie hinterließ uns einen dunklen Golf und salzverbranntes Land. Sie ließ uns zurück, damit wir kriechen lernen. Sie ließ uns zurück, damit wir uns retten. Katrina ist die Mutter, an die wir uns erinnern werden, bis die nächste blutrünstige Mutter mit großen, erbarmungslosen Händen kommt.“

Was sonst noch Rettung verspricht? Natürlich die Sprache. Jesmyn Ward liebt Metaphern, ihr Stil ist lyrisch und vermag es, dem Desaster eine Hoffnung entgegenzusetzen, die tröstet und rührt. In einer Welt, in der ein Pitbull „prachtvoll wie eine Magnolienblüte“ ist, Wald und Wind sich ausbreiten „wie ein Brautschleier“ und Teenager am Wiesenrand herumkrabbeln „wie die Ameisen unter den Dielen, die im Gänsemarsch zu dem Zucker laufen, der offen im Schrank steht“ - in dieser Welt kann nicht alles schlecht sein. Auch nicht das Ende.

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