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Jeremy Tiangs „Gewicht der Zeit“ : Hat man euch gelehrt, mich zu hassen?

Stadt im Umbruch, Stadt unter Druck: Blick auf den Hafen von Singapur im Jahr 1964 Bild: akg

Warum verließ die Mutter Mann und Kinder ohne Abschied? In „Das Gewicht der Zeit“ erzählt Jeremy Tiang ein Familienschicksal aus seiner Heimat Singapur, verwoben mit deren Gewaltgeschichte.

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          Als er am Abend nach der Beerdigung des Vaters bei seiner Zwillingsschwester zum Essen eingeladen ist und die Fragen seines Schwagers – „Wie läuft’s denn so?“ – über sich ergehen lässt, kommt Henry die ganze Reise zurück nach Singapur bedeutungslos vor: „Was hatte er erwartet – dass er mit der Vergangenheit abschließen kann?“ Nach Jahrzehnten in London ist dem Geschichtsprofessor die alte Heimat fremd geworden. Auch sein Vater war ihm seit langem fremd. Und seine Mutter? Die Zwillinge waren noch Babys, als sie verschwand, ohne Abschied, ohne Lebenszeichen. Ein paar Tage später findet Henry in der Wohnung des Vaters beim Aufräumen Briefe von damals, die dieser seinen Kindern nie gezeigt hat: „Ich hoffe, dass man euch nicht gelehrt hat, mich zu hassen“, liest Henry. Man hatte die Kinder nichts gelehrt.

          Mehr als sechs Jahrzehnte lässt Jeremy Tiang seinen ersten Roman „Das Gewicht der Zeit“ umspannen. Um die Familie von Henry, seinem Vater Jason und seiner Mutter Siew Li, die sich 1961 den kommunistischen Rebellen im Dschungel von Malaya anschloss, und um die ihres Kampfgefährten Nam Teck spinnt er seine Erzählung der Nachkriegsvergangenheit Singapurs,vom Massaker, das britische Soldaten im Dezember 1948 unter den männlichen Bewohnern eines Dorfes in Batang Kali verübten, bis zu den vier Freundschaftsdörfern im Süden Thailands, in denen die einstigen malaysischen Rebellen leben können, nachdem sie 1987 den Dschungel verlassen haben.

          Siew Li war erst fünfzehn, als sie für zwei Jahre ins Gefängnis gesteckt wurde: Mitte der Fünfziger hatte sie sich von einer bewunderten Mitschülerin für den Kampf gegen die britischen Kolonisatoren „und diejenigen, die sie nachzuahmen versuchen“, begeistern lassen. Der Familie des jungen Jason hätte man diese Nachahmung durchaus nachsagen können. Doch er besucht Siew Li im Gefängnis, obwohl sie sich erst kurz vor ihrer Festnahme kennengelernt haben, er ist derjenige, der sie schließlich nach der Freilassung abholt, er ist – „verlässlich und gedankenlos“, wie sie ihn sieht – eine Wohltat für sie. Als Anfang der Sechziger mit dem Putsch in Brunei, mit der Erklärung Indonesiens, eine Konföderation Singapurs mit Malaysia zu bekämpfen, und mit der Angst vor dem weiteren Erstarken von China unterstützter Kommunisten in Singapur der Druck auf Gewerkschaften und linke Politiker steigt, haben die beiden geheiratet und Zwillinge bekommen. Die junge Mutter arbeitet als Wahlkampfmanagerin. Gerade noch rechtzeitig vor einer bevorstehenden Verhaftung gewarnt, bleibt ihr nur die Flucht – ohne Abschied von Mann und Kindern.

          In sechs ausgreifenden Kapiteln folgt Jeremy Tiang seinen Figuren und verwebt ihre Geschichten sorgfältig miteinander und mit der Geschichte des Stadtstaats: Jason muss mit dem Verlust seiner Frau und dem Alleinsein mit Zwillingen klarkommen. Wenige Jahre später stirbt seine Schwester bei einem Bombenanschlag indonesischer Terroristen. Siew Li flüchtet nach Kuala Lumpur und geht schließlich „nach drinnen“, in den Widerstand im Dschungel, aus dem es kein Zurück gibt. Ihr späterer Kampfgefährte Nam Teck, den Siew Li als jungen Automechaniker in Kuala Lumpur kennenlernt, stammt aus einem Lager hinter zweieinhalb Meter hohem Stacheldraht, in das die Hinterbliebenen von Batang Kali gebracht worden waren.

          Die Londoner Journalistin Revathi mit Wurzeln in Singapur recherchiert 1970 dieses Massaker für eine englische Zeitung und lernt, wie gegenwärtig die Grausamkeit des Kolonialreichs und der bewaffnete Widerstand dagegen immer noch sind. Jasons Nichte Stella wird noch in den achtziger Jahren nach einem Besuch bei Henry in London vom Geheimdienst am Flughafen in Singapur aufgegriffen und unter dem Verdacht gefoltert, eine Marxistin zu sein. Henry selbst wird nach dem Tod seines Vaters auf einmal mit Spuren seiner Mutter konfrontiert und macht sich schließlich auf nach Thailand, um nach ihr zu suchen.

          Jeremy Tiang: „Das Gewicht der Zeit“. Roman. Aus dem Englischen von Susann Urban. Residenz Verlag, Salzburg 2020. 304 S., geb., 24,– €.
          Jeremy Tiang: „Das Gewicht der Zeit“. Roman. Aus dem Englischen von Susann Urban. Residenz Verlag, Salzburg 2020. 304 S., geb., 24,– €. : Bild: Residenz Verlag

          Der Leser sieht Jason in der Hilflosigkeit des Alters, im Schockzustand nach dem Bombenanschlag, aber auch als neugierigen jungen Mann und jähzornigen Alleinerziehenden. Er sieht seine Frau, der erst auf der Straße klarwird, dass sie sich nicht verabschieden konnte von ihren Kindern, und ebendiese Siew Li, wie sie schon auf dem Weg „nach drinnen“ von Nam Teck unvermittelt gefragt wird, was ihr zugestoßen sei, das sie so weit gebracht hat – um dann die Frage zu erwidern. Ein ehemaliger Sergeant der Royal Scots Fusiliers, die in Malaya gekämpft haben, resümiert im Interview mit der Journalistin aus London brüsk: „Wir haben gewonnen, was auch immer das heißen mag.“ Als Stella nach den ersten Tagen der Haft nicht mehr mit Wasserschocks und Ohrfeigen misshandelt wird, ertappt sie sich bei Mitgefühl für ihre Peiniger: „Schließlich machten die nur ihre Arbeit.“ Und als sie Revathi und Henry nach Jasons Beerdigung mitnimmt zu einem Treffen von Leuten, die in Singapur als Kommunisten verfolgt worden sind, gesteht Stella den Gästen aus London: „Ich überlebe nur.“

          Mit feinem Gespür beschreibt Jeremy Tiang die Deformationen, die Singapurs gewaltreiche Geschichte in Biographie und Psyche seiner Figuren verursacht hat – bei denen, die in die Kämpfe selbst verwickelt waren, wie auch bei denen, die versucht haben, ihnen auszuweichen, oder lange angenommen hatten, nichts mit ihnen zu tun zu haben. Die Klarheit seiner Sprache, die Nüchternheit seiner Schilderungen geben dem, wovon Jeremy Tiang erzählt, nur noch größeres Gewicht.

          Der National Arts Council von Singapur hatte die Arbeit an diesem Buch zunächst nach Lektüre eines Exposés mit 12.000 Dollar gefördert, um nach Lektüre einer ersten Fassung den noch nicht ausbezahlten Rest der Fördersumme einzubehalten. Man erkenne den literarischen Wert der Arbeit an, wurde dem Schriftsteller und Übersetzer, der heute in New York lebt, im Jahr 2011 mitgeteilt, allerdings gebe es Bedenken wegen einiger empfindlicher Themen des Romans. 2017 schließlich konnte das Buch veröffentlicht werden, um 2018 mit dem Singapore Literature Prize ausgezeichnet zu werden. Das zeigt, welche Last auch heute noch auf der hierzulande wenig bekannten Geschichte des südostasiatischen Stadtstaates liegt.

          Jeremy Tiang: „Das Gewicht der Zeit“. Roman. Aus dem Englischen von Susann Urban. Residenz Verlag, Salzburg 2020. 304 S., geb., 24,– €.

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