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: Jenseits der Bikinilinie

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Verlassene Männer erregen Mitleid, erst recht, wenn sie ihr Unglück so herzzerreißend und wortmächtig beklagen wie Gerhard Kellings Ich-Erzähler in seinem Roman "Jahreswechsel". Dieser Hanskreuf, ein "Frauenmensch", wird plötzlich von der Frau, die er liebt und braucht und mit der er alt werden wollte, allein gelassen.

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           Verlassene Männer erregen Mitleid, erst recht, wenn sie ihr Unglück so herzzerreißend und wortmächtig beklagen wie Gerhard Kellings Ich-Erzähler in seinem Roman "Jahreswechsel". Dieser Hanskreuf, ein "Frauenmensch", wird plötzlich von der Frau, die er liebt und braucht und mit der er alt werden wollte, allein gelassen. Sie hat sich einem anderen zugewandt. Ausgerechnet an einem Silvesterabend während des prasselnden Feuerwerks am Hamburger Hafen endet die gewohnte Zweisamkeit.

           Hanskreuf hat ihn seine Mutter genannt, eine Verbindung seines Vornamens mit ihrem Familiennamen. Er bleibt ein Muttersohn; ihr und den Frauen, die ihr folgten, verdankt er alles. Einen Vater hat er nie gekannt. "Sie kommen darüber hinweg", damit hat ihn der Therapeut verabschiedet. Doch Hanskreuf bleibt verstört und fast bis zur Selbstaufgabe verunsichert.

           Im Alkoholnebel, in den Armen von wechselnden Gefährtinnen sucht er vorübergehend Zuflucht. Am Tresen beichtet er seinen mitfühlenden Zuhörerinnen sein Unglück, nimmt aber auch umgekehrt an deren Schicksalsschlägen teil. Geschichten über Geschichten. Unter den Verlorenen in seiner Stammkneipe, die nicht zufällig das "Dorf" heißt, ist er nur einer von vielen, die nicht allein sein können und den Alkohol zum Überleben brauchen. Tagsüber läßt er sich durch Hamburgs Straßen treiben, durch Kaufhäuser und immer wieder durch den Bahnhof, das Tor zu einem womöglich neuen Anfang, gleichzeitig aber auch die Versuchung, durch einen Sturz auf die Gleise ein Ende zu machen.

           Ein gutes Vierteljahr lang leckt er seine Wunden, bis er sich entschließt, auf die griechischen Inseln zu fliehen. Amorgos, Santorin, Serifos sind unter anderen die Stationen seiner Trennungsreise. Es duftet nach Salbei, Lavendel und Thymian, und die Szenen am Hafen oder in verlassenen Bergdörfern erinnern an die intensiven Reiseeindrücke von Bruce Chatwin. Viel Atmosphäre, überhaupt dichte, bühnenreife Szenen.

           Kein Wunder: Gerhard Kelling kommt vom Theater, er hat Stücke und Hörspiele geschrieben und selbst Regie geführt. Auch das Unglück seines Hanskreuf inszeniert er gekonnt wie alle diese tastenden Versuche, aus den zufälligen Begegnungen mit Frauen Trost zu gewinnen, bis er mit der nächsten Fähre aufs neue aufbricht. Daß Inseln seine Ziele sind, ist symbolisch für Hanskreufs Zustand, der abends, wo immer er auch landet, in weinseligem Selbstmitleid und dem Geständnis eines Gescheiterten endet.

            Doch der Herbst bringt Ernüchterung und die Einsicht, daß Reisen allein keinen Zweck hat, sogar die Gefahr birgt, sich endgültig zu verlieren. Hanskreuf kehrt zurück in seine "unbehauste" Hamburger Wohnung. Und langsam scheint er auch wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. Oder was soll man anders daraus schließen, daß er Silvester, also genau ein Jahr nach seiner Trennung, mit der Frau von gegenüber feiert und vorher ihr Kind aus dem Kindergarten abgeholt hat?

          Der realistische Schluß hebt sich deutlich vom überhöhten Duktus des übrigen Textes ab, einer kunstvoll rhythmischen Sprache, in der durch Wiederholungen bewußt Akzente gesetzt sind. Gerhard Kelling, 1942 geboren,  erhielt 1999 für seinen Roman "Beckersons Buch" einen Literaturpreis für das "beste deutschsprachige Prosadebüt des Jahres". "Jahreswechsel" übertrifft den Erstling noch bei weitem, und es ist nur zu bedauern, daß zwischen der Veröffentlichung der beiden Werke ein so großer zeitlicher Abstand liegt.

          MARIA FRISÉ

          Gerhard Kelling: "Jahreswechsel". Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 167 S., geb., 18,90 [Euro].

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