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Jens Steiner: Hasenleben : Zu wenig Geld, zu viele Träume

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Kreislauf ohne Ausweg: Jens Steiner hat es mit seinem Debütroman „Hasenleben“ auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Darin leuchtet der Schweizer Autor nüchtern kühl das Unglück einer Kleinfamilie aus.

          Dass in ihrer Familie alles ein wenig anders ist als bei den anderen, verstehen die Kinder zwar nicht. Aber sie begreifen es nach und nach. Die Wohnung der Schrumpffamilie hat nichts gemeinsam mit dem „Familienstollen“ der Mitschüler. Wo bei ihren Kameraden ein Vater ist, klafft eine Leerstelle. Bei Besuchen findet die kleine Emma heraus, dass bei den anderen feste Regeln herrschen: wo man sich hinsetzen, was man berühren, wann man lachen darf und wann man zu gehen hat. Bei den anderen gibt es eine Vaterinstanz, die Gesetze und Verbote stumm vorschreibt. Allein durch die Präsenz. Durch das Markieren des Terrains. Den Geruch. Die Ordnung.

          Emma und Werner aber kennen keine festen Vorschriften und Gewohnheiten. Es herrscht eine schwer durchschaubare Alltagsanarchie. Die Kinder sind auf sich selbst angewiesen. Sie lernen das Alleinsein am freien Nachmittag und an den Abenden von klein auf. Dass die Mutter erst spätnachts von der Arbeit zurückkehrt, an Wochenenden arbeitet und auf dem Bett schläft, wenn die Kinder zurückkehren, ist für sie normal.

          Sozialstudie einer Mutter ohne Wurzeln

          Wenn Lili an ihre Kinder denkt, dann wie an zwei Schildkröten, die den ganzen Tag zu Hause sind und sich ein bisschen hin und her bewegen. Am Abend, wenn sie zurückkehrt, sieht es aus, als ob die Kinder nichts gemacht hätten. Auf den Spuren des Lebens machen sie ihre eigenen Erfahrungen. Sie wissen Bescheid über böse Männer mit süßen Bonbons, sie kennen verbotene Straßen. Die Stadt und ihre stummen Gesetze haben sie längst selbst entschlüsselt. Es passiere ihnen nichts, meint die Mutter, die als Alleinerzieherin oft überfordert ist.

          Der sechsunddreißig Jahre alte Schweizer Schriftsteller und Lektor Jens Steiner, der es mit seinem Debütroman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, legt mit „Hasenleben“ einen nüchternen, kühlen Familienroman vor. Es ist die Sozialstudie einer Mutter ohne Wurzeln und ohne Identität sowie die Skizze der fatalen Folgen, die der fragmentierte Lebensentwurf auf das Kinderschicksal hat. So wie ihre Existenz in der Luft hängt, so zerbrechlich ist das Los der Kinder. Ein Kreislauf ohne Ausweg. Lili enttäuscht die bürgerlichen Ambitionen der Mutter schon früh, als sie mit siebzehn schwanger wird - und von einem Vater jede Spur fehlt. In ohnmächtiger Flucht vor sich selbst treibt es die junge Frau von jetzt an im Zickzack, „nach dem bekannten Hasenschema“, durchs Leben, kellnernd, putzend, die Nächte durchtanzend, ihre Arbeitgeber kalt verachtend und an der Erziehung scheiternd.

          Bestandsaufnahme des gequälten Frauenlebens

          Unbehaust und einsam, störrisch und verzweifelt, irrt sie mit den Kindern von Stadt zu Stadt. Auch Emma und Werner entkommen der neurotischen Falle nicht. Um überhaupt etwas zu spüren, beschädigt sich das in sich gekehrte Mädchen selbst, indem es sich in die Haut ritzt. Der kleine Bruder kommt bei einem Badeunfall ums Leben. Und das Schicksal repetiert sich als vorgestanztes Lebensmuster. Auch Emma nomadisiert, kaum erwachsen geworden, lebensgierig quer durch Europa - weg von Lili, einsam wie sie, bis sie zufällig von deren Tod hört.

          Die Vorzüge des Schriftstellers Jens Steiner liegen in seiner nüchternen Bestandsaufnahme des gequälten Frauenlebens. Genau wie Werner, das kleine Kind, einmal versucht, das Unfassbare fassbar zu machen, indem es alle Dinge des Lebens zwanghaft zählt - die Krawatten, die Fingerringe, die Schuhe -, will auch der Autor des nie ganz greifbaren Unglücks der Frau durch Registrieren und Protokollieren Herr werden. Das hat den Vorteil des erzählerischen Detailreichtums.

          Bis in die letzten Winkel wird das Leben dieser unglückseligen Kleinfamilie ausgeleuchtet und benannt. Das hat allerdings den Nachteil einer zu glatten, etwas ausgewalzten, leicht klischierten Oberfläche, in der jedes Detail gleich wichtig wird und sich deshalb im Erzählfluss nach und nach auflöst.

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