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Jens Steiner: Carambole : Jugend ohne Facebook

Bild: Dörlemann

Schon „Hasenleben“, das Debüt, fand viel Beachtung. Jetzt hat Jens Steiner für seinen zweiten Roman, den Schweizer Buchpreis erhalten. „Carambole“ ist eine dramaturgisch gekonnte Dorfgeschichte ohne Protagonisten.

          Im Halbschlaf hat er auf dem Bett die Dämmerung abgewartet. Kaum wird es draußen hell, wuchtet er sich in den Rollstuhl und setzt sich ans Fenster. Drei Fernrohre und zwei Spiegel hat er aufgebaut, dazu eine meteorologische Kleinanlage. Von seinem Balkon aus verfolgt er das Dorfleben, wechselt beim Verfolgen der Passanten von einem Fernrohr zum anderen, zusätzliche Spiegel erschließen ihm die toten Winkel zur Straße. So geht es bis zum Abend, seit zwanzig Jahren, „jeder Tag eine Laborsituation“.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Allein meistert er seinen Alltag, seit zwanzig Jahren: „Ausziehen, Darm entleeren, duschen, abtrocknen, rasieren, anziehen. Zähne putzen. Die Prozedur ist eine einzige Demütigung.“ Aber damit hat er sich abgefunden. Das Einzige, wonach sich der Querschnittgelähmte sehnt, sind Schmerzen - die „wahre Qual, die mir vom Leben erzählt“. Er hat sich nach dem Unfall, als er in einem Heim betreut wurde, für dieses Dorf ohne Namen entschieden. Als Einziger seiner Bewohner, die anderen sind einfach da. Mit seinen Fernrohren und Spiegeln erscheint der Rollstuhlfahrer auf seinem Beobachtungsposten als emblematisches Bild des Schriftstellers, der diesen Kosmos mit scharfem Blick empirischen und literarischen Feldforschungen unterzieht.

          Leere und Langeweile der Gegenwart

          Jens Steiner nennt sein Buch einen „Roman in zwölf Runden“ und gab ihm den Titel „Carambole“. Soeben ist er dafür mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet worden, nachdem „Carambole“ schon auf der Liste der Kandidaten für den Deutschen Buchpreis gestanden hatte. Schon für seinen Erstling „Hasenleben“ hatte der 1975 in Zürich geborene Jens Steiner vor zwei Jahren viel Aufmerksamkeit und Lob bekommen. In „Hasenleben“ geht es um eine Kleinfamilie, die Dorfgeschichten des neuen Romans drehen sich um mehrere Biographien. Sie beginnen unter Freysingers Kirschbaum, dem „Hauptquartier“ von Manu, Fred und Igor: Ihnen „knickten flugs alle Glieder ein, und sie purzelten ins beschattete Gras“. Über die ungewöhnlich konstruierten ersten Sätze stolpert der Leser in dieses Buch, das ihn mit seinem Stil und seiner dichten Prosa bis zum Schluss in Bann hält.

          Für Manu, Fred und Igor werden in zwei Wochen die großen Sommerferien beginnen, „und noch immer ist nichts passiert“. Schorsch, der eine Generation ältere Außenseiter im Dorf, bei dessen Auftauchen die Bewohner die Straßenseite wechseln, erzählt den Jugendlichen imponierende und unglaubliche Geschichten aus seinem erfundenen Leben. Es gibt Ansätze von sexuellen Sehnsüchten und Gewalt. Die Autobegeisterung stammt aus der Vergangenheit. Steiner beschreibt eine Jugend ohne Computer und Handy. Ihre Gegenwart sind Leere und Langeweile, eine Zukunft jenseits der Sommerferien zeichnet sich nicht ab. Das Dorf, in dem gerade zwei Restaurants geschlossen wurden, bleibt der Horizont. Seine technologische Entwicklung ist auf dem Stand der Fernrohre und des Fernsehens.

          Bonjour Tristesse

          Die älteren Figuren sind noch prägnanter gezeichnet. Heinz war fünfzehn Jahre lang Knecht beim Bauern Hartmann. Zwei Söhne streiten sich um das Erbe des Vaters. Der Korbflechter hatte eine Frau, es gab Phasen des Glücks in diesem Dorf. Steiner beschreibt sie nicht weniger intensiv als die kleinen Tragödien und Katastrophen. Aber sie sind schon lange vorbei und der totalen Tristesse gewichen.

          „Bereits im Mai herrschte eine Bullenhitze, sie raffte die Alten dahin wie die Fliegen, während die Jungen begannen, sich wüsten Trinkgelagen hinzugeben“, so beginnt die Runde mit der Kapitelüberschrift „Durchbruch“. Eine „Troika“ älterer Herren trifft sich regelmäßig, um Carambole zu spielen: „Mit einem kleinen, runden Stein schubst man andere kleine, runde Steine in ein Loch in der Ecke des Spielfeldes. Manchmal schubst man den falschen Stein an. Manchmal ist der falsche Stein der richtige.“ Einer hat sich als Autodidakt mit Gramsci und seinen Theorien befasst. Ansonsten ist das einzige Buch, das in diesem Roman gelesen wird, der Neckermann-Katalog.

          Ein störender Realitätsbezug

          Steiner beschreibt diese Szenen aus wechselnden Erzählperspektiven. Jede bringt neue Elemente ein und die Handlung voran. Die Komposition zeugt von dramaturgischem Können. Steiner verbindet die Dorfgeschichten zu einem Roman ohne Hauptfigur. Sie kreisen um einen großen Zusammenhang, der durchaus fassbar wird. Doch das erwartete Ereignis, die finale Enthüllung, tritt nicht ein. Die Hochspannung, die der Schriftsteller aufbaut und die seine dichte Prosa durchzieht, wird nicht aufgelöst. „Ein Sommernachmittag nahm seinen Verlauf“, lauten die letzten Sätze der Runde mit dem Titel „Aus“: „Munter und träge zugleich, sorglos und zaudernd. Nichts passierte. Alles passierte.“

          Schorsch ist tot. Seit Jahren, stellt der Gerichtsmediziner fest, hat er sich ausschließlich mit Katzenfutter ernährt, aber das sei für die Gesundheit keineswegs schädlich. Bär hieß er mit Familiennamen, und mit ihm suggeriert der Autor einen Zusammenhang mit einer real existierenden Privatbank. Dieser Bezug zur Wirklichkeit stört die Wahrnehmung dieses großartigen zeitlosen Romans, dessen Schluss wie auch sein Anfang nicht ganz auf der Höhe seines uneinlösbaren Anspruchs ist. Der sich aber als so reich, dicht, sprachgewaltig erweist, dass man ihn gleich nochmals lesen will. Ohne die falschen Erwartungen.

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