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Jens Mühling und Vladimir Sorokin: „Mein russisches Abenteuer“ und „Schneesturm“ : Im Schneesturm mit allen Schikanen

Bild: Siehe Verlage

Ein realer Deutscher, der zu einer weisen Frau reist, und ein fiktiver Landarzt, der ein Dorf zu retten hat: Jens Mühling und Vladimir Sorokin suchen in der kalten Einsamkeit die russische Seele.

          4 Min.

          Wer sich, beladen mit den Schätzen russischer Lebenserfahrung, nicht auf dem Riff ironischen Zynismus festklammert, rutscht normalerweise in Abgründe von Unbill und letzten Fragen ab. Ungefähr zu der Zeit, als der Gegenwartsklassiker Wladimir Sorokin seine retrofuturistische Mär von der Irrfahrt im „Schneesturm“ ausbrütete, die jetzt auch auf Deutsch erschienen ist, dokumentierte der deutsche Journalist Jens Mühling auf Fahrten in die Tiefen des Landes Charaktere und Begebenheiten in aus der Geschichte fallenden Orten, die unter dem Titel „Mein russisches Abenteuer“ nun bei Dumont erschienen sind. Die von zwei ganz gegensätzlichen Autoren - dem großen russischen Literaten und dem jungen deutschen Publizisten - in so unterschiedlichen Genres wie einer postapokalyptischen Fiktion und einer essayistischen Reportage geschriebenen Bücher ergänzen und erhellen einander gleichwohl kongenial. Denn Russlands Weglosigkeit, seine trinkfreudigen Philosophen und rabiaten Welterklärer, die der duldsame Mühling voll Sympathie und Zartgefühl schildert, lassen auch spüren, dass jene von Drogen erleuchtete Waldeinsamkeit, auf die Sorokin sein Heimatland zusteuern sieht, so phantastisch vielleicht gar nicht ist.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mühlings zauberische Odyssee führt von Kiew, dem Taufort der alten Rus, über Moskau, wo einst Patriarch Nikon und später die Sowjetmacht den Volksglauben zertrümmerten, bis in die sibirische Taiga nahe der chinesischen Grenze, wohin einige Sektierer ihre wahre Religion zu retten versuchten. Der Charme seines stets auch die lokale Historie vergegenwärtigenden Textes liegt darin, dass der Autor sich bewusst treiben und ablenken lässt, sich nicht selten dumm stellt und dafür seine Helden umso eindrucksvoller konturiert. Fasziniert gibt er sich den argumentativen Umgarnungskünsten des ehrwürdigen Moskauer Kybernetikers und populären Pseudohistorikers Anatoli Fomenko hin, der statistisch „errechnet“ hat, dass die abendländische Geschichte nur ein Jahrtausend nach Christus lang und die Renaissance eigentlich die Antike war - und tatsächlich steigt vor dem vernebelten Auge schließlich Fomenkos Sehnsuchtsschimäre von einem antiken „russischen“ Mongolengroßreich auf, das neidische westliche Verschwörer aus den Annalen getilgt haben soll.

          Irrfahrt in die Altgläubigengemeinde

          Während seines Besuchs bei der gemäßigten Moskauer Altgläubigengemeinde lauscht Mühling sophistischen Erklärungen eines höflichen Klerikers, warum es im Zeichen des Fortschritts russischen Reformgegnern heute nicht mehr verboten sei, Importtee zu trinken und Computer zu benutzen - während demjenigen, der das Kreuzzeichen mit drei Fingern schlägt, das Himmelreich weiterhin versperrt bleibe. Der authentische Gottsucher tritt dem Russlandreisenden dafür in Person eines anarchischen Obdachlosen entgegen, der auch diese Kirchenführung als geldgierig und unchristlich schmäht und sie schon in der Hölle schmoren sieht.

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