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Jens Harzer liest Paul Celan : Hier ist einiges zu klären, Freunde!

Jens Harzer, Ensemblemitglied am Hamburger Thalia Theater und Träger des Iffland-Rings Bild: dpa

Wie liest man den Dichter der „Todesfuge“? Indem man ein Konzert daraus macht – für Lippen, Luft und eine Stimme. Jens Harzer nähert sich Paul Celans Versen.

          4 Min.

          Der kanadische Pianist Glenn Gould hat Bachs „Goldberg-Variationen“ zweimal in seinem Leben aufgenommen. Bernhard Minetti hat den Krapp in Samuel Becketts „Das letzte Band“ im Laufe seines langen Lebens in drei verschiedenen Inszenierungen gespielt. Jetzt hat Jens Harzer ein Hörbuch mit Gedichten von Paul Celan aufgenommen. Zum ersten Mal. Es ist ein Konzert für Lippen, Luft und Stimme, eine intime Inszenierung vorsichtig tastender Nachdenklichkeit. Harzer spielt darin einen Schauspieler, der ein Hörbuch produziert. Die Bühne: ein Tonstudio. Als Requisiten genügen Kopfhörer, Mikrofon und einige Blatt Papier, um die unterschiedlichen Tonarten des Raschelns zu erzeugen.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Wie liest man Celan? Welcher Ton ist angemessen? Wie feierlich darf es sein, wie viel Pathos ist nötig, wie viel erträglich? Die Stimme kann einem bleiern werden von manchen Versen dieses Dichters. Und die Luft knapp. Im vorigen Jahr ist eine CD mit zum Teil unbekannten Tondokumenten Paul Celans erschienen (F.A.Z. vom 21. Dezember 2020). Dort kann man nachhören, wie Celan selbst einige seiner Gedichte vorgetragen hat. Aber das hilft Harzer nicht weiter. Man kann Bach auf alten Instrumenten spielen, um sich so einem vermeintlichen Originalklang anzunähern, aber man kann Celan nicht wie Celan lesen.

          Welche Aussage verbirgt sich hinter einer Pause?

          Als Glenn Gould die Goldberg-Variationen zum ersten Mal einspielte, war er knapp 23 Jahre alt. Beim zweiten Mal, 26 Jahre später, war er bereits schwerkrank und stand kurz vor seinem Tod. Die spätere Aufnahme ist in einigen Passagen deutlich langsamer, zögerlicher, als habe erst der ältere Gould bemerkt, was dem jungen Gould entgangen war: welche Schwierigkeiten sich hier auftun. Bei Celan war es zumindest in einem dokumentierten Fall allem Anschein nach genau umgekehrt: 1952 dauerte seine Lesung von „Feuer und Wasser“ zwei Minuten und 29 Sekunden, elf Jahre später genügten ihm für dasselbe Gedicht eine Minute und 43 Sekunden. Dabei macht keineswegs nur das Tempo einen Unterschied. Welche Aussage verbirgt sich in einer Pause? Wie viele verschiedene Arten von Pausen kann es geben?

          Harzer stellt solche Fragen – aber er stellt sie nicht laut. Er macht sie hörbar, ohne sie auszusprechen. Noch so eine schwierige Frage, vor die Celans Gedichte jeden stellen, der sie laut lesen möchte: Wie intoniert man, was man nicht versteht? Der Schauspieler, der den Astrow in Tschechows „Onkel Wanja“ gespielt hat, der Tasso und Amphitryon war, Achill und Woyzeck, Platonow und der Marquis von Posa, würde nicht behaupten, dass seinen stimmlichen Interpretationen ein letztgültiges Verständnis von Celans Gedichten zugrunde liegt. Das kann es nicht geben. Stattdessen lässt er den Hörer an einem Prozess teilhaben. Er führt vor, wie er selbst einen Zugang sucht, um anderen dadurch einen Zugang zu eröffnen.

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