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Jenny Offills Roman „Wetter“ : Gibt es ein Mantra für Anfänger?

Zufluchtsort Nevada: Hierhin plant die Mentorin der Erzählerin in Jenny Offills Roman „Wetter“ zu flüchten. Bild: Picture-Alliance

Leicht und lakonisch, obwohl das Buch voller Ängste und Schrecken steckt: Jenny Offills Roman „Wetter“ stellt sich mit kleinem Personal den großen Fragen unserer Zeit.

          4 Min.

          Wenn die Katastrophe fast da und die Welt nahezu unbewohnbar geworden ist, wird es dann besser sein, nichts zu tun oder zu handeln? Welche Aktion könnte gefordert sein, welche Fähigkeit gebraucht werden, und wäre mit ihnen die Apokalypse aufzuhalten, für eine Weile, bis der eigene Sohn in Sicherheit ist? Wie lange würde das dauern, und wäre die Mutter überhaupt noch da, um rettend einzugreifen? Wird morgen der Tag kommen, an dem sich dies entscheidet oder entschieden werden muss, oder in ein paar Jahren? In wie vielen?

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Lizzie Benson, die Erzählerin in Jenny Offills Roman „Wetter“, fragt sich solcherlei. Währenddessen schaut sie ihrem Sohn dabei zu, wie er seine Filzstifte testet. Oder spricht mit ihrem Bruder, gerade clean, aber immer noch gefährdet, über dessen Selbsthilfegruppe. Oder denkt an ihre ehemalige Professorin Sylvia: „Auf dem Nachhauseweg hörte ich mir ihren neuen Podcast an. Diese Folge heißt ,Das Zentrum kann nicht standhalten‘. So könnten sie alle heißen. Aber Sylvias Stimme ist das leicht gesteigerte Entsetzen fast wert. Sie klingt tröstlich, obwohl sie nur von den unsichtbaren apokalyptischen Reitern spricht, die auf uns zupreschen.“ Kurz darauf flattert Lizzie eine Zeitschrift für einen Nachbarn ins Haus, die Hilfe für Depressive anbietet, was unbedingt geboten scheint: „Was man sagen SOLL: Es tut mir leid, dass es Ihnen so schlecht geht. Ich werde Sie nicht im Stich lassen ... Was man NICHT sagen soll: Haben Sie es mit Kamillentee probiert?“

          Alles und jeden loslassen, was ich liebe?

          Lizzies Sohn heißt Eli, ihr Mann Ben, ihr Bruder Henry. Ein möglicher Liebhaber kommt ins Bild: Will. Eine Meditationslehrerin: Margot. Die Mutter, die sich die Zähne richten lässt. Eine Hilfskraft in der Bibliothek. Sylvia natürlich, um deren E-Mails sich Lizzie kümmern soll. Und dann ist da noch Catherine, die Frau, die Henry heiratet und mit der er ein Kind bekommt, das Quelle weiterer Albträume und Ängste ist.

          Das Personal ist also überschaubar, und auf ungewöhnliche Weise überschaubar sieht auch der gedruckte Text auf der Buchseite aus. Kurze Absätze, oft nur vier oder fünf Zeilen lang. Eine Handvoll von ihnen, sehr selten auch mal nur einer, bilden größere Einheiten. Mehrere davon wiederum sind in sechs Kapitel gebündelt, die zum Ende hin immer kürzer werden, schließlich nur noch wenige Seiten lang. Außerdem bietet das Schriftbild mit gepunkteten Linien markierte Kästchen für herausgehobene Zitate, die aber auch durch Kursivierungen gekennzeichnet sein können. Manchmal steht ein Witz in einem solchen Kasten („Frage: Worin besteht die Philosophie des Spätkapitalismus? Antwort: Zwei Wanderer sehen einen hungrigen Bären vor sich. Einer von ihnen holt seine Laufschuhe aus dem Rucksack und zieht sie an. ‚Du kannst nicht schneller laufen als der Bär‘, flüstert der andere. ,Ich muss bloß schneller laufen als du‘, sagt sein Freund.“), manchmal ist ein Fragebogen aufgeführt, manchmal der Text einer Postkarte. Einige Quellen werden hinten im Buch unter „Anmerkungen“ aufgeführt.

          Schon der Anfang stimmt darauf ein, dass die Lektüre ungewöhnlich wird. Da tritt eine Figur auf, die „die weitgehend Erleuchtete“ heißt und sich in einem Stadium befindet, das nur als „Eimer voll schwarzer Farbe“ beschrieben werden kann. Wer ist die Figur? Wichtiger aber noch wird bald: Wer ist diese Lizzie Benson, die von ihr erzählt? Und welche Form wird diese Erzählung annehmen?

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          Es bleibt bei den Fragmenten, die nicht unbedingt ineinandergreifen, manchmal aber doch so etwas wie eine zusammenhängende Minihandlung ergeben – vom Plan und seiner Ausführung, in Urlaub zu fahren zum Beispiel, einem Plan, den Ben schmiedet und mit Eli ausführt, während Lizzie zu Hause bleibt und möglicherweise eine Affäre beginnt. Handeln oder nicht handeln? Lieber nicht handeln, aber viel reden, so bringt sich Lizzie über die Tage. Doch wovon spricht sie, wenn sie vom Pausenbrot ihres Sohnes redet, den Tränen der Motten oder den blöden Filmen, die sie mit ihrem Bruder im Fernsehen schaut?

          Wetter ist die Konkretion des Klimas, und „Wetter“ erzählt von all den Kleinigkeiten des Alltags, die das soziale und emotionale Klima der Romanfiguren ausmachen. Wenn es gutgeht, vermittelt Literatur immer zwischen dem Mikrokosmos der Welt, die sie entwirft, und der Kosmologie des großen Ganzen, in dem Schreiben und Lesen jenseits der Bücher stattfinden. Jenny Offill ist eine Meisterin dieser Vermittlung, so dass sie den Zusammenhang zwischen Pausenbrot und Klimakrise nicht auszubuchstabieren braucht. Das Verhängnis zieht sich durch ihre kurzen Absätze, durch Lizzies Gedanken und die Spiele von Eli oder Ben, ohne dass es immer einen Namen braucht.

          Die Frage, um die es geht, ist also: Welche Spuren ziehen Politik und globale soziale Großwetterlage in den Seelen und Köpfen der Zeitgenossen? „Wenn ich ausatme, weiß ich, dass ich das Alter nicht verhindern kann ... Wenn ich einatme, weiß ich, dass ich eines Tages alles und jeden, was ich liebe, loslassen muss. Ach, komm schon, Mann. Alles und jeden, was ich liebe? Gibt es vielleicht ein Mantra für Anfänger?“ Zu diesem Zitat informiert eine Anmerkung, es handele sich um einen Auszug aus einem klassischen buddhistischen Rezitativ.

          Lustige Verweise auf eine untergegangene Zivilisation

          Jenny Offill hat eine Menge Witz angesichts der Apokalypse. Man kann die New Yorker Herkunft in ihren Sätzen hören, das Ganze kommt leicht und lakonisch daher, obwohl es voller Ängste und Schrecken steckt. Dass das im Deutschen auch funktioniert, ist der Übersetzung von Melanie Walz zu verdanken, die von größter Schnoddrigkeit zu angemessenem Pathos und nervöser Verzweiflung jede Stimmlage in diesem Buch voller vielfältiger Stimmlagen punktgenau trifft.

          Sylvia übrigens verschwindet einfach. Aus ihrem eigenen Leben, soweit es Kontakt mit anderen vorsah, und aus dem Buch. Aus einer von Sylvias alten Aufzeichnungen erfährt Lizzie, dass man einen Plan haben muss, bevor die Katastrophe da ist. Sich die Notausgänge im Hotel einprägen, die Schwimmwesten im Flugzeug im Auge haben. Angesichts dessen, worum Lizzie sich sorgt, sind das lustige Verweise auf eine untergegangene Zivilisation.

          Ganz am Ende findet sich der Hinweis auf https://www.obligatorynoteofhope.com/. Das ist ein witziger Name für eine ernste Sache, nämlich eine von Jenny Offill eingerichtete Seite mit Links zu Organisationen, die sich ums Klima kümmern. Nicht ums Wetter. Das bleibt angesichts von Gegenwart, Alltag und sonstigen Katastrophen erst mal schlecht. Aber das Buch, das davon erzählt und es in Literatur verwandelt, leuchtet.

          Jenny Offill: „Wetter“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz. Piper Verlag, München 2021. 222 S., geb., 20,– €.

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