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Jenny Offills Roman „Wetter“ : Gibt es ein Mantra für Anfänger?

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Es bleibt bei den Fragmenten, die nicht unbedingt ineinandergreifen, manchmal aber doch so etwas wie eine zusammenhängende Minihandlung ergeben – vom Plan und seiner Ausführung, in Urlaub zu fahren zum Beispiel, einem Plan, den Ben schmiedet und mit Eli ausführt, während Lizzie zu Hause bleibt und möglicherweise eine Affäre beginnt. Handeln oder nicht handeln? Lieber nicht handeln, aber viel reden, so bringt sich Lizzie über die Tage. Doch wovon spricht sie, wenn sie vom Pausenbrot ihres Sohnes redet, den Tränen der Motten oder den blöden Filmen, die sie mit ihrem Bruder im Fernsehen schaut?

Wetter ist die Konkretion des Klimas, und „Wetter“ erzählt von all den Kleinigkeiten des Alltags, die das soziale und emotionale Klima der Romanfiguren ausmachen. Wenn es gutgeht, vermittelt Literatur immer zwischen dem Mikrokosmos der Welt, die sie entwirft, und der Kosmologie des großen Ganzen, in dem Schreiben und Lesen jenseits der Bücher stattfinden. Jenny Offill ist eine Meisterin dieser Vermittlung, so dass sie den Zusammenhang zwischen Pausenbrot und Klimakrise nicht auszubuchstabieren braucht. Das Verhängnis zieht sich durch ihre kurzen Absätze, durch Lizzies Gedanken und die Spiele von Eli oder Ben, ohne dass es immer einen Namen braucht.

Die Frage, um die es geht, ist also: Welche Spuren ziehen Politik und globale soziale Großwetterlage in den Seelen und Köpfen der Zeitgenossen? „Wenn ich ausatme, weiß ich, dass ich das Alter nicht verhindern kann ... Wenn ich einatme, weiß ich, dass ich eines Tages alles und jeden, was ich liebe, loslassen muss. Ach, komm schon, Mann. Alles und jeden, was ich liebe? Gibt es vielleicht ein Mantra für Anfänger?“ Zu diesem Zitat informiert eine Anmerkung, es handele sich um einen Auszug aus einem klassischen buddhistischen Rezitativ.

Lustige Verweise auf eine untergegangene Zivilisation

Jenny Offill hat eine Menge Witz angesichts der Apokalypse. Man kann die New Yorker Herkunft in ihren Sätzen hören, das Ganze kommt leicht und lakonisch daher, obwohl es voller Ängste und Schrecken steckt. Dass das im Deutschen auch funktioniert, ist der Übersetzung von Melanie Walz zu verdanken, die von größter Schnoddrigkeit zu angemessenem Pathos und nervöser Verzweiflung jede Stimmlage in diesem Buch voller vielfältiger Stimmlagen punktgenau trifft.

Sylvia übrigens verschwindet einfach. Aus ihrem eigenen Leben, soweit es Kontakt mit anderen vorsah, und aus dem Buch. Aus einer von Sylvias alten Aufzeichnungen erfährt Lizzie, dass man einen Plan haben muss, bevor die Katastrophe da ist. Sich die Notausgänge im Hotel einprägen, die Schwimmwesten im Flugzeug im Auge haben. Angesichts dessen, worum Lizzie sich sorgt, sind das lustige Verweise auf eine untergegangene Zivilisation.

Ganz am Ende findet sich der Hinweis auf https://www.obligatorynoteofhope.com/. Das ist ein witziger Name für eine ernste Sache, nämlich eine von Jenny Offill eingerichtete Seite mit Links zu Organisationen, die sich ums Klima kümmern. Nicht ums Wetter. Das bleibt angesichts von Gegenwart, Alltag und sonstigen Katastrophen erst mal schlecht. Aber das Buch, das davon erzählt und es in Literatur verwandelt, leuchtet.

Jenny Offill: „Wetter“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz. Piper Verlag, München 2021. 222 S., geb., 20,– €.

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