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Jenny Lawson: „Das ist nicht wahr, oder?“ : Dem Leben unter den Rock geguckt

Bild: Metrolit Verlag

Die Tochter des Tierpräparators findet zu sich selbst: In ihrem ersten Buch erzählt die Bloggerin Jenny Lawson, wohin eine ungewöhnlichen Kindheit im ländlichen Texas führen kann, wenn Witz vor Wahnsinn schützt.

          Als Victor auf den letzten Seiten von Jenny Lawsons Buch die Zeitung sinken lässt und mit finsterem Blick seine Diagnose trifft, schließt sich ein Kreis: „Du hast es geschafft“, sagt der Ehemann der Erzählerin, „jetzt bist du genauso wie dein Vater.“

          Man hatte schon nicht mehr recht daran glauben wollen, dass sich ein Kreis dieses Formats schließt in diesem Buch, ist „Das ist nicht wahr, oder?“ doch das Werk einer als „The Bloggess“ populären Kolumnistin, die das Spielerische, Pointierte der kleinen, komischen Formen meisterlich beherrscht. Und auch in ihrem im amerikanischen Original als „a mostly true memoir“ untertitelten Buch durchaus zum Vergnügen ihrer Leser einsetzt, das sich über weite Strecken wie ein gedrucktes Blog liest.

          Lawson erzählt von einer kuriosen Kindheit im ländlichen Texas, im Haus eines Präparators, der einen denkbar unerschrockenen Umgang mit der toten wie auch der lebendigen Tierwelt pflegt. Mal bringt er acht neugeborene Waschbären in einem Eimer mit nach Hause, mal ein kleines Stachelschwein, mal geht er Gürteltiere fangen, um sie bei Wettrennen einzusetzen. Er zieht den Balg eines Eichhörnchens wie eine Handpuppe über, um die damals acht Jahre alte Erzählerin und ihre zwei Jahre jüngere Schwester mitten in der Nacht mit dem „magischen, sprechenden Stanley“ zu überraschen. Und als Jenny am Tag vor der Hochzeit mit Victor ihren Eltern die künftigen Schwiegereltern vorstellen will, kocht der Vater nicht etwa Eintopf in einem Ölfass hinter seiner Werkstatt, wie Victors ahnungslose Mutter vermutet, sondern Tierschädel. Aus dem Kuhkopf, den er stolz aus der Brühe hebt, fällt ein Augapfel, rollt bis zum Designerschuh der Neugierigen und bleibt dort liegen, als wolle er ihr unter den Rock gucken. Kein Wunder, dass Jenny, als sie ihr Elternhaus hinter sich lässt, einige Überdrehtheit mitnimmt.

          Die „Katzen-Aa-Schwangerschaftskrankheit“

          „Die schlimmsten Geschichten sind wie im wirklichen Leben die wahrsten“, stellt Jenny Lawson gleich zu Beginn ihres Buches fest, „und wie im wirklichen Leben gilt auch das Gegenteil.“ In einem Kapitel notiert sie „einige hilfreiche Klebezettel, die ich meinem Mann diese Woche im Haus hinterlassen habe“. Den Hinweis auf ein liegengelassenes nasses Handtuch kombiniert sie mit dem Vorwurf, folglich bestimmt an Tuberkulose zu sterben, die sich ja auf diesem Weg ausbreite; auf dem Zettel mit dem Vorwurf, immer müsse sie das Erbrochene des Katers wegmachen, notiert sie die Erwartung, jetzt „diese Katzen-Aa-Schwangerschaftskrankheit“ zu kriegen und ein Baby ohne Arme und Beine auf die Welt zu bringen.

          Die Sache eskaliert, als sie vorgibt, aus Rache etwas Vergiftetes in den Kühlschrank gelegt zu haben, eine Zeitlang wagt sie selbst nicht, etwas zu essen anzurühren, und sie entspannt sich erst, als sie ihrem Victor, weil die Klebezettel ausgegangen sind, kurzerhand auf dem Kater eine Friedensbotschaft schreibt und ihm auch noch ein Bild vom Hochzeitstag ans Bein tackert, woraufhin das Bein amputiert werden muss. Er war ohnehin übergewichtig. Jetzt ist er um ein Bein leichter. Schließlich gesteht die Erzählerin, es sei alles übertrieben, bis auf die Geschichte mit dem Handtuch. Die allerdings habe sie immer noch nicht ganz verarbeitet.

          Die Maus in Hamlet-Pose

          So dreht sich das Buch dahin, hochtourig, mit einigem Schwung im Anekdotischen, im Kleinen, ohne im Großen allzu sehr in Bewegung zu geraten: Ein Kind kommt zur Welt, man zieht von der Stadt zurück aufs Land, Jenny beginnt zu bloggen. Wieder und wieder wird das Porträt einer jungen Frau nachgezeichnet, die sich mit einigem Witz aus dem Wahnsinn rettet, in den ihre Komplexe sie zu jagen drohen. Und gerade als selbst der geduldige Leser sich fragt, wie die Autorin jemals aus dieser Schleife wieder herauskommen will, entdeckt Jenny jene Leidenschaft in sich, die sie ihrem Vater überraschend nahebringt und ihren Mann so finster blicken lässt: Sie beginnt mit der Sammlung kostümiert ausgestopfter Kleintiere, findet eine Maus in Hamlet-Pose, einen Alligator im Piratenkostüm und bekommt ein halbes Eichhörnchen in Cowboy-Montur, mit Kippe, Knarre und gezinkten Karten, das sie Grover Cleveland nennt. Sie hätte es auch Stanley nennen können.

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