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Jennifer Egan: Black Box : Wenn Machtmänner datenmäßig ausgesaugt werden

  • -Aktualisiert am

Bild: Schöffling & Co.

Die Zukunft der Literatur beginnt möglicherweise mit Jennifer Egans wunderbar verspieltem Twitterroman „Black Box“. Darin handelt es sich um die Mission einer Schönheit im hauchzarten Bademantel.

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          Wann erscheint der erste Facebook-Roman? Gibt es eine Literatur im Twitterformat? Ist der Kurzsprech der sozialen Netzwerke kompatibel mit dem Anspruch eines komplexen Prosakunstwerks? Diese Fragen sind in den vergangenen Jahren rauf und runter diskutiert worden. Und wahrscheinlich lassen sie sich so lange nicht abschließend beurteilen, bis es nicht ein Romanwerk gegeben haben wird, das seinen Schöpfer als ein Talent auf der Höhe seiner Zeit enthüllt und die 140-Zeichen-Prosa der digitalen Ära in den Stand einer literarischen Sprache versetzt.

          Die 1962 geborene Pulitzerpreisträgerin Jennifer Egan hat jetzt zumindest einen überzeugenden Versuch vorgelegt, ihrer Aufgabe als sprachlicher Seismograph der Stunde gerecht zu werden. Sie hat mit „Black Box“ einen kleinen, rasanten Kurznachrichtenroman veröffentlicht, der als Abfolge tatsächlich gesendeter text messages zuerst im „New Yorker“ erschienen ist und nun als kleines schwarzes Büchlein mit weißer Covertype in deutscher Übersetzung vorliegt.

          Säuberlich lektorierte Kurztexte

          Nicht zufällig erinnert die „Back Box“ an ein digitales Lesegerät. Und der erste Tweet darin lautet: „Menschen sehen nur selten so aus, wie man es erwartet, selbst wenn man Fotos von ihnen kennt.“ Abwandelnd könnte man sagen, dass ein Buch, das aus Kurznachrichten besteht, auch nicht unbedingt so aussieht, wie man es erwartet, wenn man Besitzer eines Smartphones ist. Erst mal handelt es sich nämlich um untereinander abgedruckte, durch größere Absatzzeichen getrennte, säuberlich lektorierte Kurztexte. Das hat etwas Aphoristisches. Die meisten dieser Nachrichten lassen sich nämlich durchaus einzeln goutieren: „Ziel ist es, zugleich unwiderstehlich und unsichtbar zu sein.“ Oder: „Eine Schönheit in einem hauchzarten Bademantel kann überall hingehen, solange sie den Eindruck erweckt, dass sie sich zu jemandem begibt.“ Oder: „Die Tatsache, dass ein Mann dich erst missachtet und anschließend beleidigt, bedeutet nicht, dass er dich nicht ficken will.“

          Die Geschichte über eine Schönheit im hauchzarten Bademantel wird von Egan bewusst in einem James-Bond-Referenzsetting angelegt, in dem undurchsichtige Agenten oder brutale Machtmänner sich mit langbeinigen Femmes fatales vergnügen, die selbst als durchtriebene Agentinnen agieren und eigentlich mit der Beschaffung empfindlicher Daten beauftragt sind. Um so etwas scheint es hier zu gehen. Unsere Kurznachrichtenschönheit ist jedenfalls in bedeutender Mission unterwegs. Ein katzenhafter Machtmann soll datenmäßig ausgesaugt werden, was quasi einem digitalen Schnitt in seine Pulsadern gleichkommt.

          Zeitgenössische Problematiken in fragmentarischer Handlung

          Um welche Sorte Daten es sich bei diesem kunstvoll eingefädelten Raub handelt, wird auf knapp neunzig Seiten nicht weiter aufgeklärt. Spannend ist die fragmentarische Handlung dennoch insofern, als sie uns Auskunft über gleich mehrere zeitgenössische Problematiken gibt: die Durchdrungenheit unserer Existenz durch Datenströme. Der anhaltende Sexismus in Feldern der Macht und des Geldes. Ein Moment des Paranoischen in Verbindung mit einem neu erblühenden (nationalen) Heroismus.

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