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Jeffrey Eugenides: Middlesex : Bügelbrett mit Bartwuchs

Jeffrey Eugenides: „Midlesex” Bild: Verlag

„Middlesex“ erzählt von einem Mädchen, das wie die Muse des Erzählens Calliope heißt und unter anderem im Schülertheater den blinden Seher Teiresias spielt. Ein bißchen viel Antike, könnte man meinen.

          6 Min.

          „Middlesex“, der mit viel Spannung erwartete zweite Roman des in Berlin lebenden amerikanischen Schriftstellers Jeffrey Eugenides, erzählt von einem Mädchen, das wie die Muse des Erzählens Calliope heißt, im Schülertheater den blinden Seher Teiresias spielt, später als Gott Hermaphroditos seinen zweigeschlechtlichen Unterleib gegen Geld vorführt und schließlich als männlicher Erzähler namens Cal seine Gene dafür verantwortlich macht, daß er „manchmal ein wenig homerisch“ klingt. Ein bißchen viel Antike, könnte man meinen.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Aber das ist noch längst nicht alles. Das Schicksal einer griechischstämmigen Familie in der Türkei und das Massaker von Smyrna im Jahr 1922, die Auswanderung der Geschwister Stephanides über den Atlantik, die Autoindustrie von Ford bis Cadillac als Chiffre Amerikas, der Zweite Weltkrieg und Vietnam, Rassenunruhen und Black-Muslim-Bewegung, Watergate, die Hippiezeit und die beginnende Gender-Debatte - all dies wird auf 750 Seiten mal mehr, mal weniger ausführlich behandelt. Damit der Roman über der Fülle seiner Gegenstände nicht aus allen Nähten platzt und der Leser sich nicht schon nach zweihundert Seiten fühlt wie ein Reiter, der aus dem Sattel gehoben wurde und nun von einem durchgegangenen Gaul mitgeschleift wird, hat der Autor gewisse Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Zu ihrer Vorbereitung waren beinahe acht Jahre nötig, so lange hat Eugenides nach eigenem Bekunden an „Middlesex“ gearbeitet. Die Mühe hat sich gelohnt.

          Eine flachbrüstige Bohnenstange

          Ein Roman, der die „Achterbahnfahrt eines Gens durch die Zeit“ darstellen soll, wie auf der zweiten Seite angekündigt wird, zugleich die Geschichte einer griechischen Familie über mehrere Generationen schildert und die bewegende Suche eines Heranwachsenden nach seiner geschlechtlichen Identität beschreibt, bedarf vor allem einer belastbaren und glaubwürdigen Erzählperspektive. Eugenides wählt einen Ich-Erzähler, der bei Bedarf zum allwissenden Erzähler wird und durch Zeit und Raum zu reisen vermag, wie es ihm beliebt. Dank der „präfetalen Erzählperspektive“, die den intimen Blick auch auf Ereignisse vor der eigenen Geburt erlaubt, ist es von Homer zu Calliope Stephanides nur ein Katzensprung.

          Jeffrey Eugenides
          Jeffrey Eugenides : Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

          Tatsächlich kokettieren der Autor und sein Held ganz gern mit ihrer griechischen Abstammung, aber die Verweise auf das Ursprungsland der klassischen Mythologie haben ihren tieferen Sinn. Nehmen wir nur die Episode im Schultheater. Als Callie, eine flachbrüstige Bohnenstange, das typische „Bügelbrett“, wie der mitleidlose Fachausdruck jener Jahre lautete, die Rolle des Teiresias übernimmt, weiß sie nur, daß er der Seher von Theben war. Ein blinder, auf seinen Stock gestützter alter Mann im weiten Umhang - keine sehr attraktive Rolle für ein vierzehnjähriges Mädchen. Aber im Verlauf der Theaterproben lernt Callie von einer ihrer Mitspielerinnen, der koketten Darstellerin der Antigone, nicht nur, wie man einen Blinden spielt - nicht stolpernd und tastend, vielmehr still stehend, lauschend, mit den Ohren sehend -, sondern sie erfährt auch, daß sie wesentlich mehr mit Teiresias gemein hat, als sie sich hätte träumen lassen.

          Mit der Konzentration eines Uhrmachers

          Wie hatte Teiresias eigentlich sein Augenlicht verloren? Ovid erzählt, daß Zeus und Hera, das Urbild aller zänkischen Ehepaare, in Streit darüber gerieten, welches Geschlecht in der Liebe mehr Vergnügen empfinde, Mann oder Frau. Als Schiedsrichter wurde der Nymphensohn Teiresias berufen, der als einziges Lebewesen aus eigener Erfahrung sprechen konnte: Als Mann geboren, wurde er für sieben Jahre in eine Frau verwandelt und kehrte dann in seinen Männerkörper zurück. Als Teiresias Zeus recht gab und sogar behauptete, das Vergnügen der Frau sei neunmal größer als das des Mannes, nahm ihm die erzürnte Hera das Augenlicht. Zeus, unfähig, die Tat der Gattin rückgängig zu machen, schenkte dem Geblendeten zum Trost die heikle Gabe der Prophetie und ein langes Leben.

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