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: Jede Schrift bleibt immer nur ein Manöver

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Am Sonntag, den 13. Juni 1999 wurden der "Stern"-Reporter Gabriel Grüner und sein Fotograf Volker Krämer im Kosovo, vierzig Kilometer südlich von Prishtina erschossen, nachdem sie im Troß der einrückenden Kfor-Truppen die Grenze überschritten hatten. Die genauen Umstände ihres Todes blieben unklar, doch offenbar wurden sie ermordet, nicht obwohl, sondern weil sie Journalisten waren.

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          Am Sonntag, den 13. Juni 1999 wurden der "Stern"-Reporter Gabriel Grüner und sein Fotograf Volker Krämer im Kosovo, vierzig Kilometer südlich von Prishtina erschossen, nachdem sie im Troß der einrückenden Kfor-Truppen die Grenze überschritten hatten. Die genauen Umstände ihres Todes blieben unklar, doch offenbar wurden sie ermordet, nicht obwohl, sondern weil sie Journalisten waren. Der Fall erregte auch deshalb so großes Aufsehen, weil er auf drastische Weise zeigte, wie sehr die Berichterstatter von den Kämpfern längst als Handelnde betrachtet werden, derer man sich vielleicht an der Meinungsfront bedient, die man aber auch grausam bestraft, wenn die eigene Sache verloren scheint.

          Norbert Gstrein hat seinen neuen Roman an das Schicksal Grüners angelehnt; die Widmung gilt dem Andenken des wie Gstrein aus Tirol stammenden Journalisten, "über dessen Leben und dessen Tod ich zu wenig weiß, als daß ich davon erzählen könnte". Christian Allmayer also ist nicht Grüner, der Roman nicht dokumentarisch. Im Gegenteil ist sein Thema gerade das Verhältnis der Kriegswirklichkeit zur literarischen Darstellung (vergleichbar der amerikanischen Vietnam-Literatur, etwa in Tim O'Briens großartigem Roman "Going After Cacciato"). Denn der Tod dieses Routiniers der Schlachtbeschreibung wird plötzlich zum Fokus, in dem das verwirrende und anonyme Kriegsgeschehen die Form einer Geschichte annehmen soll.

          Vom Tod Allmayers ist vor allem sein Freund und Kollege, der Reisejournalist Paul, regelrecht besessen. Er sieht sich eigentlich als Romancier und glaubt, hier endlich seinen Stoff gefunden zu haben. Seine junge Lebensgefährtin, die aus Dalmatien stammende Helena, wird für ihn zusätzlich zur Projektionsfläche seiner Mutmaßungen und Konstruktionen rund um die zerrissene, aber ihn auf eigentümliche Weise faszinierende Biographie des Ermordeten, der sich schon seit den ersten kriegerischen Auseinandersetzungen im zerfallenden Jugoslawien aufgehalten hatte und dessen journalistisches OEuvre sich zu einer Chronik des Schreckens verbindet: Kroatien, Bosnien, Kosovo - Allmayer war an jeder Front, kaum heimgekehrt zu seiner Frau nach Hamburg, zog es ihn wieder in die Nähe der tödlichen Gefahr.

          Erzählt wird der ganze Roman aus der Perspektive eines weiteren Kollegen, der Zeuge von Pauls zunehmend obsessiver Recherche nach Gründen für den Tod Allmayers ist: War es vielleicht kein Zufall, konnten die Mörder den Journalisten gekannt, in ihm vielleicht einen unliebsamen Zeugen zurückliegender Kriegsverbrechen an anderen Fronten erkannt haben? War hier vielleicht eine persönliche Rechnung zu begleichen? Paul gelingt es tatsächlich, in Kroatien einen früheren Interviewpartner Allmayers ausfindig zu machen, den dieser selbst zufällig später im Urlaub wiedergetroffen hatte. Im Krieg hatte der seine Macht genießende Kommandant das Material zu einer eindrücklichen Story geliefert, die um die Frage kreiste, wie es sei, einen Menschen im Fadenkreuz zu haben.

          Paul glaubt, dem Leben den benötigten Plot selbst ablauschen zu können. In seinem Glauben an die romanhaften Strukturen der Wirklichkeit reflektiert Gstrein die eigene erzählerische Position. Die Selbstbescheidung seiner Widmung ist nicht nur Ausdruck von Pietät, sondern poetologischer Natur. Auch die größte Faktenfülle könnte nicht das Problem ersetzen, dem Geschehen einen Sinn verleihen zu müssen. "Ein Toter ergibt noch keinen Plot", so warnt gleich zu Beginn der Erzähler. Doch auch der mühsam recherchierte Stoff führt nicht zur selbstverständlichen Form. Die Geschichte vom Krieg ist nicht die Wirklichkeit, sondern seine Repräsentation nach den Erforderungen von Genre und Stil.

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