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Jean Forton: Isabelle : Dieser Valmont endet banal

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Bild: Verlag

Sie lieben und sie hassen sich: Der Roman „Isabelle" erschien in Frankreich 1957. Dass Jean Forton zu Unrecht vergessen wurde, zeigt jetzt die deutsche Übersetzung.

          Welch ein eigenartiger Liebender, der sich nicht zwischen den Vierbeinern entscheiden kann, in denen er sich wiedererkennt: „Ich fühle mich vor ihr wie neugeboren, ohne Urteilsvermögen, ein willenloser Hund vor seinem Herrchen, selig, glücklich, staunend.“ Eine Seite später wird der devote Kläffer zum sadistischen Feliden: „Ich will gern Katz und Maus spielen, aber wenigstens sollte die Maus ein bisschen quietschen, ehe sie sich fressen lässt.“

          Hündchen oder Kater, das ist die Wahl zwischen der Rolle des überschwenglichen Romantikers und der des berechnenden Verführers: Der Namenlose, der in „Isabelle“ von seinen Liebesabenteuern berichtet, wird eine Weile zögern - wohlgemerkt zwischen zwei Haustierversionen. Jean Fortons Roman, 1957 in Frankreich erschienen und nun zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt, zieht seine psychologische Überzeugungskraft denn auch daraus, dass er die Widersprüche seines Helden aus der Innenperspektive darstellt, ohne ihm aufzusitzen.

          Er konzentriert sich auf die Jagd nach dem Mädchen

          Isabelle ist das „Herrchen“ beziehungsweise die Maus. Zarte sechzehn ist sie alt, ein blondes, blasses Mädchen aus einer großbürgerlichen Familie von Weinhändlern. Auf sie gestoßen ist der Ich-Erzähler bei einem seiner Spaziergänge, die er als einsamer Müßiggänger kultiviert: Ein vierunddreißigjähriger Schmarotzer, der sich von seinem Bruder aushalten lässt, der im Austausch dickes Geld mit der väterlichen Weinhandlung verdienen darf. Gleich zwei Weinhändler, ein gut- bis großbürgerliches Setting: Der Roman spielt in Bordeaux. Der Namenlose lebt dort seit zwanzig Jahren in den Tag hinein, steht spät auf, flaniert, trinkt, geht in Seemannskneipen und kultiviert die narzisstische Beobachtung seiner Stimmungen. Mal leidet er an der Einsamkeit, mal genießt er den eigenen Abstieg: „Ich fühle mich wohl in meiner Haut. Der Haut des Versagers.“ Denn: „Ich wollte nichts anderes vom Leben als meine Ruhe. Ich bin in jeder Hinsicht mittelmäßig, eher hässlich, faul, ohne Talent, ohne Ideale. Bei einer solchen Bilanz würden andere verzweifeln. Ich nicht. Ich habe mich selbst immer klarsichtig beurteilt. Keine Enttäuschung. Keine Bitterkeit.“

          Der Roman setzt ein mit dem Umzug in ein neues Mansardenzimmer: Der „Held“ ist vor einer Liebschaft geflohen. Jetzt macht er Bekanntschaft mit dem Nachbarn Nicolas, einem zehn Jahre jüngeren Russen, dessen Frau Anita ihn beeindruckt, zuerst als Nacktfoto und dann in Person. Das Dreieck, das sich bildet, ist durch Leidenschaft bestimmt: Sie lieben und sie hassen sich, reihum und mit variablen Vorzeichen. Der Held bleibt anfangs außen vor, denn er konzentriert sich auf die Jagd nach dem unbekannten Mädchen, das er auf der Straße sah: Sie ist ihm ein Versprechen von Sinn und Halt.

          Fortons Held bleibt ein Katerchen

          Isabelle gibt sich zunächst gänzlich unnahbar. Der Verführer muss eine Reihe von Strategien ausprobieren, bis sie sich in Gespräche verwickeln, ins Café und Kino ausführen, mit einem Kanarienvogel beschenken, nach Hause einladen und schließlich verführen lässt. Der Grund für die Anfälligkeit ist rasch benannt: Das Mädchen ist einsam, ihre Mutter verwirrt; der Vater isoliert und misshandelt seine Tochter. Im Grunde schert es niemanden, was sie treibt, solange sie pünktlich zum Essen kommt - ein leichtes Opfer für den kleinbürgerlichen Valmont, der dem Libertin aus den „Gefährlichen Liebschaften“ weder strategisch noch persönlich das Wasser reichen kann.

          Auch sprachlich scheint das Ancien Régime auf, Forton kultiviert eine klassische Diktion, wie die Forton-Wiederentdeckerin Catherine Rabier-Darnaudet im Nachwort festhält; tatsächlich sorgt der Stil, klarer Satzbau, wohldosierte Steigerungen, treffende Pointen und Paradoxa, für großen Lesegenuss, dank der gelungenen Übersetzung Grete Osterwalds. Dieser Stil war 1957, zu Zeiten des Nouveau Roman, nicht unbedingt in Mode und erklärt die verspätete Rezeption: Der Bordelais Jean Forton (1930 bis 1982), Autor von neun Romanen, hatte zwar in den fünfziger Jahren einigen Erfolg; der Ruhm blieb jedoch begrenzt, und Forton geriet in Vergessenheit.

          Zu Unrecht: „Isabelle“ führt den kalten, aber gewöhnlichen Egoismus seines Protagonisten schonungslos vor. Dessen existentielle Abgründe entpuppen sich als bequeme Wehleidigkeit. Als der Held genug von den Körperübungen mit Gymnasiastin hat, hilft ihm der Zufall: Nicolas setzt ihm Anita aufs Bett. Die dunkle Venus, das Gegenstück zur blonden Mädchenfigur Isabelle, teilt vorübergehend das Bett des Helden: lang genug, um das Paar von Isabelle überraschen zu lassen, die sich noch nicht an den Zynismus der Erwachsenen gewöhnt hat; lang genug, um die Katastrophe auszulösen. Freilich bringt Letztere keinerlei Einsicht: Fortons Held bleibt ein Katerchen, das sich am Ofen der Mittelmäßigkeit wärmt. Genau dieses banale Ende eines Flaneurs und Verführers ist rigoros modern.

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